Teil 12: "Quit India!"

- Governors Residence, Gandhi-Statue
"Quit India!" - "Verlasst Indien!" lautete eine zentralen Forderungen, mit denen sich die britische Regierung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts konfrontiert sah. So klar und unmissverständlich diese Ansage war, so vielfältig und kreativ waren die Mittel, die die indische Unabhängigkeitsbewegung einsetzte, um dieses Ziel zu erreichen. Einige davon hatte der Rechtsanwalt Mohandas Karamchand Gandhi bereits zuvor in Südafrika erprobt und nun an die Verhältnisse in Indien angepasst und weiterentwickelt. Dazu zählten verschiedene Varianten des zivilen Ungehorsams wie Hungerstreiks, "Non-Kooperation" und andere Formen des gewaltlosen Widerstands. Deren politische Wirkung rührte auch daher, dass Gandhi sie konsequent selbst praktizierte - weshalb der britische Premierminister sich auch öffentlich über den "halb nackten Fakir" aufregte.
Über 60 Jahre nach seiner Ermordung ist Gandhi - den Beinamen Mahatma ("große Seele") hatte ihm einst der indische Literaturnobelpreisträger Rabindranath Tagore verliehen - im indischen Leben noch sehr präsent. Auch am letzten Tag unserer Delegationsreise bezogen sich unsere Gesprächspartner auf den "Father of Nation". So wie Vincent Chinnadurai, Vorsitzender der Minderheitenkommission von Tamil Nadu (indienweit der einzige Christ in dieser Funktion) und sein Bruder (seit 12 Jahren als Pfarrer in Leimen tätig), die für einen entspannteren Umgang mit nichtchristlichen Religionen warben. Oder Surjit Singh Barnala, Gouverneur von Tamil Nadu, Jahrgang 1926, der als Aktivist der "Quit India" - Bewegung selbst 9 Mal für insgesamt dreieinhalb Jahre im Gefängnis saß, und später Ministerpräsident des Punjab, Bundesminister und Abgeordneter der Lok Sabha wurde.
Mit N. Ram, dem Herausgeber von The Hindu - einer großen überregionalen Tageszeitung - und seinem Redaktionsteam sprachen wir u.a. über die politische Lage und die Korruption in Indien. Danach berichteten uns Prof. M. S. Ananth, Direktor der IIT-Madras, und seine Kollegen von aktuellen Projekten der vor gut 50 Jahren als indisch-deutsche Kooperation gegründeten Spitzenuniversität, bevor uns Dr. Suprya Dharini die Arbeit der Tree Foundation vorstellte, einer Stiftung, die sich seit 2002 mit Umwelterziehung und anderen Öko-Projekten befasst und u.a. eine Meeresschildkröten-Rettungsstation betreibt.
Alles in allem eine dichte Folge von Terminen am Abschlusstag unserer Reise. So wie eigentlich auch alle anderen Tage voll verplant waren. Aber eben auch gut organisiert von der Bundestagsverwaltung, der Deutschen Botschaft und dem Generalkonsulat. Mein persönliches Fazit:
a) Indien ist... viel zu vielschichtig, als dass man es in ein paar Sätzen zusammenfassen könnte.
b) Die Kollegen aus den anderen Fraktionen sind netter als sie es im Bundestag durchblicken lassen. Ich werde das berücksichtigen, wenn ich beim nächsten Mal im Plenum zurück pöbeln möchte,
c) und Mumbai ist wirklich weiter entfernt von Delhi, Bhubaneswar und Chennai, als meine Tante es wahrhaben will. Was bedeutet, dass ich in jedem Fall noch mal wiederkommen werde.
Teil 11: Chennai
Bei Chennai fällt mir zuerst Tennis ein. Nicht, dass ich eine besonders große Affinität zu diesem Sport hätte, aber wenn man in Deutschland Hockey spielt, kommt man um Tennis gar nicht herum. Praktisch alle Hockeyclubs haben auch eine Tennissparte, viele Vereine sogar nur diese beiden. Und so habe ich - lange bevor das deutsche Tenniswunder mit Becker, Graf und Stich begann - häufig das weiße Treiben auf den benachbarten Sandplätzen beobachtet oder am Fernseher mitgefiebert, wenn Jimmy Connors mal wieder ein Wimbledon-Finale gegen den unterkühlten Björn Borg verlor.
Der erste indische Tennisspieler, über den gelegentlich auch in deutschen Medien berichtet wurde, ist Vijay Amitraj. Der brachte es nicht nur zu einem Gastauftritt in einem James Bond Film ("Octopussy"), sondern auch einige Male in die Endrunde der "Indian Open". Das einzige (mir) bekannte ATP-Turnier auf dem Subkontinent fand immer in Madras statt, bis es vor knapp zehn Jahren plötzlich nach Chennai verlegt wurde. Wenigstens dachte ich das. Tatsächlich wurde der Austragungsort jedoch nicht verlegt, sondern im Zuge einer nationalen Entbritisierungswelle einfach umbenannt. Ähnlich wie Madras erging es Metropolen wie Kalkutta (Kolkata), Bangalore (Bengaluru) und Bombay (Mumbai).
So flogen wir mit unserer Delegation also über Bengaluru nach Chennai, der Hauptstadt des Staates Tamil Nadu (und Heimat des Schlagersängers Engelbert). Dort trafen wir Vertreter von Mitgliedern der Observer Research Foundation und anderen NGOs, um mit ihnen über das Verhältnis zwischen Indien und dem südlichen Nachbarn Sri Lanka, die Rolle der "Tamil Tigers", die Konflikte zwischen Fischern aus beiden Ländern und die Menschenrechtslage in der Region zu sprechen.
Im Verhältnis zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften in Tamil Nadu gebe es keine nennenswerten Probleme, erklärte uns Dr. A. M. Chinnappa, der uns später empfing. Der Erzbischof von Madras-Mylapore hat seinen Dienstsitz unmittelbar neben der St. Thomas Basilika, die den Anspruch erhebt, neben dem Petersdom in Rom und der Santiago di Compostela in Madrid eine von drei Basiliken zu sein, die das Grabmal eines der Jünger Jesu beherbergen.
Noch beeindruckender fand ich es allerdings, als der Erzbischof ausführte, dass der Hinduismus anderen Religionen mit weitaus größerer Toleranz begegne als es das prinzipiell missionarisch angelegte Christentum tue. Solche Offenheit und nüchterne Selbsteinschätzung würde ich mir auch von anderen hochrangigen Kirchenvertretern wünschen. Insbesondere vom deutschen Papst. Vielleicht nutzt der frühere Chefinquisitor der römisch-katholischen Kirche ja seine im September anstehende Rede im Bundestag zu einer ähnlichen Selbstkritik. Das jedenfalls wäre endlich mal ein sinnvoller Beitrag im interreligiösen Dialog und eine Chance für die weitere kulturelle Entwicklung in Europa.
Teil 10: Bhubaneswar

- Roundtable-Gespräch in Bhubaneswar
Bhubaneswar ist die Hauptstadt von Orissa, einem rund 155.000 Quadratkilometer großen Staat an der Ostküste Indiens. Die große Mehrheit der rund 46 Millionen der Einwohner sind Hindus (94 Prozent); Christen und Muslime bilden mit einem Bevölkerungsanteil von jeweils zwei Prozent eher kleine Minderheiten. Orissa ist aber auch die Heimat der Adivasi, indigene Ureinwohner, die sich überwiegend von der Landwirtschaft ernähren. Im Zuge einer groß angelegten Missionierung waren seit den 1930er Jahren viele Adivasi zum Christentum konvertiert; seit den 1990er Jahren bemühen sich nationalistisch orientierte Hindu-Organisationen, diese Entwicklung wieder umzukehren. In diesem Zusammenhang kam es zunehmend zu Konflikten, die im Jahr 2008 eskalierten und in deren Folge 60 Menschen getötet wurden. 150 Kirchen wurden zerstört und mehrere Tausend Menschen, vor allem Adivasi, verloren ihre Bleibe.
In einem Gespräch am Runden Tisch schilderten uns Angehörige der Adivasi sowie Vertreter verschiedener Nichtregierungsorganisationen die besondere Problemlage der Adivasi in Orissa. Die Landwirtschaft der Adivasi ist von traditionellem Wissen und gemeinschaftlichen Zugangsrechten zu den natürlichen Ressourcen geprägt. Da diese traditionellen Nutzungsrechte jedoch nicht in Form einer staatlichen Registrierung abgesichert sind, werden die Adivasi als unrechtmäßige Siedler behandelt, das von ihnen genutzte Land für Bergbau oder industrielle Großprojekte umgewidmet und die Adivasi immer weiter zurückgedrängt. Ein Beispiel dafür ist POSCO, ein südkoreanisches Stahl-Unternehmen mit US-amerikanischen sowie kanadischen Partnern, die im Norden Orissas Bergbau betreiben und an der Küste den Bau eines großen Hafens betreiben - beides in Gebieten, in denen die Adivasi beheimatet sind.
Opfer dieser Entwicklung sind vor allem die Adivasi, obwohl diese als indigene Urbevölkerung nach dem Gesetz eigentlich unter nationalem Schutz stehen. Dass die Regierung dies zulasse, führten unsere Gesprächspartner auch darauf zurück, dass die betroffenen Unternehmen den meisten Parteien erhebliche Wahlkampfspenden zukommen ließen. Die Folgen für die Adivasi und das demokratische System seien verheerend. Wer Widerstand leiste, würde von den Behörden mit fadenscheinigen Begründungen und zum Teil wider besseres Wissen als maoistischer Terrorist diffamiert und entsprechend behandelt. Dabei würden rechtsstaatliche Verfahren komplett außer Kraft gesetzt; ohne rechtliches Gehör würden Adivasi zum Teil über mehrere Jahre inhaftiert; in einigen Fällen seien sogar Profikiller angeheuert worden, um die Interessen einer machtvollen Allianz aus Wirtschaft und Politik durchzusetzen.
Auf die Frage, was von deutscher Seite getan werden könne, um den Adivasi zu helfen, hatten unsere Gesprächspartner auch keine Patentrezepte zur Hand. Ein Wunsch war, Druck auf die Regierungen in Neu Delhi und Orissa auszuüben und nur noch solche Projekte zu unterstützen, die gemeinsam mit den betroffenen Menschen entwickelt und umgesetzt werden können. Das, finde ich, wäre schon mal ein guter Anfang. Nicht nur in Bhubaneswar.
Teil 9: Starke Frauen

- Sitz der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Neu Delhi
Wenn es um die Frage geht, in welchem Land der Erde die Gleichstellung von Frauen und Männern am weitesten fortgeschritten ist, gehört Indien - trotz einer in dieser Hinsicht recht weitgehenden Gesetzgebung - zweifellos nicht zu den führenden Nationen. Ungeachtet dessen dürfte kaum ein Zweifel daran bestehen, dass der Vielvölkerstaat mit Indira Gandhi eine Politikerin hervorgebracht hat, die in ihrer Amtszeit als Premierministerin zu den mächtigsten Frauen der Welt gehört hat.
Seit dem vergangenen Jahr hat eine weitere starke Frau eine Heimat in Indien gefunden. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung ist zwar schon seit 2002 in Asien engagiert. Doch erst im Jahr 2010 wurde, neben drei weiteren Regionalbüros, auch ein Büro in Neu Delhi errichtet. Bis dahin wurden auch die Südasien-Projekte aus der Berliner Zentrale heraus gesteuert. Nun sind in einer Partnerkooperation unter der Leitung von Dr. Carsten Krinn noch fünf weitere Kräfte im Regionalbüro in Delhi beschäftigt. Dazu kommen Praktikantinnen und Praktikanten, die hier anspruchsvolle Aufgaben und interessante Einsatzmöglichkeiten vorfinden.
Das Regionalbüro ist in einem zweistöckigen Bürogebäude der indischen Hauptstadt untergebracht. Direkt nebenan befindet sich ein belebter Markt, und auch die Nähe zu den renommierten Universitäten ist kein Zufall. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung in Neu Delhi hat ihren Standort mitten in der Stadt.
Im Mittelpunkt meines Gesprächstermins mit Carsten Krinn und Projektleiter Vinod Khoshti, dem Landwirtschaftsexperten der RLS in Neu Delhi, standen jedoch weniger die Menschen in der Stadt sondern vielmehr die Familien auf dem Land, deren Lebensbedingungen die indische Politik vor besondere Herausforderungen stellen. 70 Prozent der Inder arbeiten in der Landwirtschaft, viele davon leben in Armut. In den vergangenen zwölf Jahren begingen rund 200.000 Bauern in Indien Selbstmord, weil sie keine Perspektiven für sich und ihre Familien sehen. Um die Situation der Menschen auf dem Land zu verbessern, hat die Regierung mit dem "Mahatma Gandhi National Rural Employment Act" (MGNREA) ein Programm aufgelegt, das jeder Familie für rund 100 Tage im Jahr bezahlte Arbeit zu den örtlichen Tarifen garantiert. Aus Sicht von Vinod Khoshti wird dies allein aber nicht reichen; notwendig sei vielmehr eine grundsätzlich andere Form der Produktion und Verteilung landwirtschaftlicher Güter.
Ferner nutzte ich die Gelegenheit, um auch von den Vertretern der Rosa-Luxemburg-Stiftung eine Einschätzung zur Menschenrechtssituation in Indien zu bekommen. Dabei kam unter anderem der "Armed Forces (Special Powers) Act" aus dem Jahr 1958 zur Sprache; eine Art Notstandsgesetz, dass der Polizei alle erdenklichen Vollmachten gibt und rechtsstaatliche Verfahren komplett außer Kraft setzt. Aus Protest gegen die Erschießung mehrerer Menschen auf der Grundlage dieses Gesetzes in Manipur ist die damals 28-jährige Aktivistin Irom Sharmila vor über zehn Jahren in einen Hungerstreik getreten. Mittlerweile wächst auch in der Bevölkerung der Widerstand - nicht nur, aber auch wegen einer starken Frau.
Teil 8: ...und noch eine andere Perspektive

- Treffen mit NGOs und Menschenrechtsexperten
Ein Wechsel der Perspektive ist eigentlich immer gut, um den eigenen Standpunkt richtig einordnen zu können. Für Politiker - und gerade für Abgeordnete - gilt das ganz besonders. Eine weitere Sicht auf die politische Situation in Indien konnten wir bei unserem Treffen mit Menschenrechtsexperten und Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Nichtregierungsorganisationen kennen lernen.
Zur Lage der religiösen Minderheiten in Orissa gab Prof. Rehmann vom "Dr. K. R. Narayanan Centre for Dalit and Minorities" der Jamia Millia Islamia Universität einige Hintergrundinformation. In dem Staat an der indischen Ostküste hatte sich bereits in den 1930er Jahren eine Bewegung mit dem Ziel eines unabhängigen christlichen Staates formiert. Soweit es die aktuelle Situation betreffe, sei unstrittig, dass es in den vergangenen Jahren zu Übergriffen auf Christen (und Muslime) gekommen sei; während jedoch die staatlichen Stellen die Ursache der Angriffe eher in Landkonflikten verorten, sehe er die Aggressionen vor allem als religiös motiviert an.
Die Lage der Minderheiten stellt sich im Nordosten Indiens nach Einschätzung von Prof. Hazarika vom "Centre for North East Studies" und U.N. Singh, dem Direktor der "United NGO Mission in Manipur", komplett anders und insoweit unterschiedlich dar, als die ethnischen Minderheiten dort zahlenmäßig zum Teil wesentlich größer und auch parlamentarisch stärker verankert seien. Insgesamt hätten die staatlichen Stellen Übergriffe gegen Minderheiten in den vergangenen Jahren konsequent verfolgt, und praktisch überall liefen Gespräche zwischen der Regierung und Widerstandsbewegungen mit dem Ziel, den - derzeit noch fragilen - Frieden zu stabilisieren. Problematisch sei aber nach wie vor die Versorgung der Menschen mit sauberem Wasser, Lebensmitteln u.a.
Die Leiterin des "Centre for Social Research", Dr. Kumari, schilderte die Entwicklung der Menschenrechte in Indien aus einer feministischen Perspektive. Nach wie vor sei häusliche Gewalt gegen Frauen weit verbreitet, ebenso die Zwangsabtreibungen weiblicher Föten. Auch hätten viele Mädchen keinen Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung. Positiv sei, dass das gesellschaftliche Bewusstsein für diese Fragen wachse und Frauen und Mädchen ihre Menschenrechte zunehmend einforderten. Aktuell setze sich eine "Koalition der Frauen" für ein "Gender Budget" ein. Bis dahin sei es aber noch ein weiter Weg.
Dr. Marianus Kujur, Leiter der "Tribal and Dalit Unit" des Indian Social Institute, Christ und Angehöriger einer ethnischen Minderheit, erläuterte die Zusammenhänge zwischen demokratischen Defiziten, religiöser Diskriminierung, Verfolgung ethnischer Minderheiten und sozialen Konfliktursachen, z.B. aufgrund des fehlenden Zugangs ganzer Bevölkerungsschichten zu natürlichen Ressourcen. Damit Indien den Anspruch, die größte Demokratie der Welt zu sein, erfüllen könne, müssten auch diese Fragen geklärt werden. Dazu bräuchte es u.a. Mechanismen zur zivilen Konfliktlösung. Diese sind vor allem dann erfolgreich, wenn es den Beteiligten gelingt, sich in die Lage der jeweils anderen Seite zu versetzen - und sich damit eine andere Perspektive zu verschaffen.





















