Teil 4: Yes Minister
Zu den Fernsehsendungen, die mein Leben am stärksten beeinflusst haben - weit mehr als "Bonanza", "Flipper", "Sportschau" oder "Lindenstraße" - gehört die BBC-Serie "Yes Minister". Am Beispiel des Wirkens des (fiktiven) Ministers Jim Hacker werden darin - sehr kenntnisreich und sachkundig - die Funktionsweisen und Hintergründe von politischen Prozessen geschildert. Eine der ersten Lektionen dieser Serie, die nicht nur bei Freunden des britischen Humors Kultstatus genießt, ist das "Gesetz der inversen Relevanz", dem zufolge Inhalt und Verpackung in der Politik häufig in einem reziproken Verhältnis zueinanderstehen. Anders gesagt: Wenn die im Titel eines Gesetzes formulierten Ansprüche besonders ambitioniert und umfangreich erscheinen, ist es mit den konkreten Inhalten zumeist nicht allzu weit her. Wer sich an "Rentensicherungsgesetze", "Konjunkturförderungsprogramme" oder ähnliche Großtaten der deutschen Gesetzgebung erinnert, weiß, was gemeint ist.
In diesem Sinne beschreibt der Titel des "Ministeriums für soziale Gerechtigkeit" zunächst einmal lediglich einen Anspruch (so wie die Attribute "christlich-sozial" oder "sozialdemokratisch" im deutschen Parteiensystem). Nach Auffassung des seit 2009 zuständigen Ministers Mukul Wasnik bemüht sich die indische Regierung jedoch, diesem Anspruch auch Taten folgen zu lassen. Sein Haus kümmere sich vorrangig um die Belange der sozial Benachteiligten, darunter Menschen mit Behinderungen, Angehörige der "eingeborenen Stämme" und diejenigen, die unter den früher geltenden Regeln des Kastensystems als "unberührbar" galten. Das Ministerium wachse - mitsamt seinen Aufgaben, dem Budget und dem Personal. Für die unterschiedlichen Zielgruppen habe man spezielle Förderprogramme entwickelt. Dabei werde ein Gesamtkonzept verfolgt, dessen Hauptbestandteile die Förderung von Ausbildung, die Vermittlung und Gewährung günstiger Kredite sowie die finanzielle Unterstützung bei der Vermarktung von Produkten seien.
Wie Deutschland hat auch Indien die UN-Konvention zur Integration von Menschen mit Behinderungen unterzeichnet. Die Umsetzung dieser Konvention stelle die Regierung und den Gesetzgeber - auch wegen des zunehmenden Drucks der Behindertenaktivisten - vor große Herausforderungen, so der Minister. Man sei aber fest entschlossen, diese Aufgabe zu bewältigen. Zum Abschied gab es für jeden Teilnehmer der deutschen Delegation ein hübsches und praktisches Gastgeschenk. Ob uns das gefallen würde? "Yes Minister!"
