Teil 7: Perspektivwechsel
In den Besuchsprogrammen parlamentarischer Delegationen finden sich üblicherweise vornehmlich Termine mit Repräsentanten aus Politik und Wirtschaft. Derartige Gespräche sind zumeist interessant und nützlich; dennoch finde ich es wichtig, auch mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die die Dinge aus einer anderen Perspektive sehen.
Solche Gesprächspartner fanden wir bei unserem Treffen mit gut 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmern - darunter zwei junge Männer aus Schleswig-Holstein (Flensburg bzw. Kiel) - des "Weltwärts"-Programms. Das "Weltwärts"-Programm ist ein von der Bundesregierung mit ca. 30 Millionen Euro jährlich geförderter entwicklungspolitischer Freiwilligendienst, in dem seit 2009 rund 11.000 junge Menschen für jeweils sechs bis zwölf Monate weltweit eingesetzt sind. In Indien arbeiten derzeit 324 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die von etwa 40 Organisationen entsandt worden sind.
Projektträger sind Organisationen wie VIA, AFS, ICJA, Misereor, Don Bosco und andere freie Träger. Das Programm wird derzeit evaluiert. Konkret sind die jungen Erwachsenen in Schulen, Kindergärten, Jugendclubs oder Kinderheimen eingesetzt. Sie arbeiten mit benachteiligten Kindern aus Slums, Kindern mit Lernschwächen, mit Flüchtlingen und geben Englischunterricht und Nachhilfe, bieten Freizeitaktivitäten und soziales Training an, entwickeln spezielle Angebote für Mädchen und zur Gesundheitsvorsorge. Die Unterbringung wird durch die jeweiligen Projektträger organisiert, einige Teilnehmer sind gemeinsam in einer WG untergebracht, andere mit indischen Mitbewohnern oder in Gastfamilien, zum Teil aber auch beim Projekt selbst. Die Unterbringung in Gastfamilien wurde als eher ungünstig beurteilt, weil dabei die Gefahr bestehe, dass man nicht aus einer "deutschen Blase" herauskommt.
Zu ihrer Motivation befragt, erklärten die jungen Erwachsenen: Sie wollten sozial arbeiten, aber nicht unbedingt in Deutschland; Erfahrungen sammeln, Horizont erweitern. Fast alle Gesprächspartner sagten, sie würden aufgrund der eigenen Erfahrungen auch ihren Freunden in Deutschland die Teilnahme an dem Programm empfehlen. Mehrere unserer Gesprächspartner erklärten, sie hätten ein anderes Bewusstsein für die Folgen der Globalisierung und die Spaltung einer Gesellschaft entwickelt, die eigene Toleranz, die interkulturelle Kompetenz sowie Selbstständigkeit ausgebaut und größere Gelassenheit gewonnen.
Noch eine Erkenntnis aus den geschilderten Erfahrungen: Bei allem Elend stand beim Umgang mit den Kindern aus den Slums nicht etwa das Mitleid im Vordergrund, sondern das Gefühl, dass Kinder überall auf der Welt die gleichen Wünsche, Bedürfnisse und Hoffnungen haben. Allein dafür lohnt es sich, die Perspektive zu wechseln.

