Teil 10: Bhubaneswar

- Roundtable-Gespräch in Bhubaneswar
Bhubaneswar ist die Hauptstadt von Orissa, einem rund 155.000 Quadratkilometer großen Staat an der Ostküste Indiens. Die große Mehrheit der rund 46 Millionen der Einwohner sind Hindus (94 Prozent); Christen und Muslime bilden mit einem Bevölkerungsanteil von jeweils zwei Prozent eher kleine Minderheiten. Orissa ist aber auch die Heimat der Adivasi, indigene Ureinwohner, die sich überwiegend von der Landwirtschaft ernähren. Im Zuge einer groß angelegten Missionierung waren seit den 1930er Jahren viele Adivasi zum Christentum konvertiert; seit den 1990er Jahren bemühen sich nationalistisch orientierte Hindu-Organisationen, diese Entwicklung wieder umzukehren. In diesem Zusammenhang kam es zunehmend zu Konflikten, die im Jahr 2008 eskalierten und in deren Folge 60 Menschen getötet wurden. 150 Kirchen wurden zerstört und mehrere Tausend Menschen, vor allem Adivasi, verloren ihre Bleibe.
In einem Gespräch am Runden Tisch schilderten uns Angehörige der Adivasi sowie Vertreter verschiedener Nichtregierungsorganisationen die besondere Problemlage der Adivasi in Orissa. Die Landwirtschaft der Adivasi ist von traditionellem Wissen und gemeinschaftlichen Zugangsrechten zu den natürlichen Ressourcen geprägt. Da diese traditionellen Nutzungsrechte jedoch nicht in Form einer staatlichen Registrierung abgesichert sind, werden die Adivasi als unrechtmäßige Siedler behandelt, das von ihnen genutzte Land für Bergbau oder industrielle Großprojekte umgewidmet und die Adivasi immer weiter zurückgedrängt. Ein Beispiel dafür ist POSCO, ein südkoreanisches Stahl-Unternehmen mit US-amerikanischen sowie kanadischen Partnern, die im Norden Orissas Bergbau betreiben und an der Küste den Bau eines großen Hafens betreiben - beides in Gebieten, in denen die Adivasi beheimatet sind.
Opfer dieser Entwicklung sind vor allem die Adivasi, obwohl diese als indigene Urbevölkerung nach dem Gesetz eigentlich unter nationalem Schutz stehen. Dass die Regierung dies zulasse, führten unsere Gesprächspartner auch darauf zurück, dass die betroffenen Unternehmen den meisten Parteien erhebliche Wahlkampfspenden zukommen ließen. Die Folgen für die Adivasi und das demokratische System seien verheerend. Wer Widerstand leiste, würde von den Behörden mit fadenscheinigen Begründungen und zum Teil wider besseres Wissen als maoistischer Terrorist diffamiert und entsprechend behandelt. Dabei würden rechtsstaatliche Verfahren komplett außer Kraft gesetzt; ohne rechtliches Gehör würden Adivasi zum Teil über mehrere Jahre inhaftiert; in einigen Fällen seien sogar Profikiller angeheuert worden, um die Interessen einer machtvollen Allianz aus Wirtschaft und Politik durchzusetzen.
Auf die Frage, was von deutscher Seite getan werden könne, um den Adivasi zu helfen, hatten unsere Gesprächspartner auch keine Patentrezepte zur Hand. Ein Wunsch war, Druck auf die Regierungen in Neu Delhi und Orissa auszuüben und nur noch solche Projekte zu unterstützen, die gemeinsam mit den betroffenen Menschen entwickelt und umgesetzt werden können. Das, finde ich, wäre schon mal ein guter Anfang. Nicht nur in Bhubaneswar.








