Teil 9: Starke Frauen

- Sitz der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Neu Delhi
Wenn es um die Frage geht, in welchem Land der Erde die Gleichstellung von Frauen und Männern am weitesten fortgeschritten ist, gehört Indien - trotz einer in dieser Hinsicht recht weitgehenden Gesetzgebung - zweifellos nicht zu den führenden Nationen. Ungeachtet dessen dürfte kaum ein Zweifel daran bestehen, dass der Vielvölkerstaat mit Indira Gandhi eine Politikerin hervorgebracht hat, die in ihrer Amtszeit als Premierministerin zu den mächtigsten Frauen der Welt gehört hat.
Seit dem vergangenen Jahr hat eine weitere starke Frau eine Heimat in Indien gefunden. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung ist zwar schon seit 2002 in Asien engagiert. Doch erst im Jahr 2010 wurde, neben drei weiteren Regionalbüros, auch ein Büro in Neu Delhi errichtet. Bis dahin wurden auch die Südasien-Projekte aus der Berliner Zentrale heraus gesteuert. Nun sind in einer Partnerkooperation unter der Leitung von Dr. Carsten Krinn noch fünf weitere Kräfte im Regionalbüro in Delhi beschäftigt. Dazu kommen Praktikantinnen und Praktikanten, die hier anspruchsvolle Aufgaben und interessante Einsatzmöglichkeiten vorfinden.
Das Regionalbüro ist in einem zweistöckigen Bürogebäude der indischen Hauptstadt untergebracht. Direkt nebenan befindet sich ein belebter Markt, und auch die Nähe zu den renommierten Universitäten ist kein Zufall. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung in Neu Delhi hat ihren Standort mitten in der Stadt.
Im Mittelpunkt meines Gesprächstermins mit Carsten Krinn und Projektleiter Vinod Khoshti, dem Landwirtschaftsexperten der RLS in Neu Delhi, standen jedoch weniger die Menschen in der Stadt sondern vielmehr die Familien auf dem Land, deren Lebensbedingungen die indische Politik vor besondere Herausforderungen stellen. 70 Prozent der Inder arbeiten in der Landwirtschaft, viele davon leben in Armut. In den vergangenen zwölf Jahren begingen rund 200.000 Bauern in Indien Selbstmord, weil sie keine Perspektiven für sich und ihre Familien sehen. Um die Situation der Menschen auf dem Land zu verbessern, hat die Regierung mit dem "Mahatma Gandhi National Rural Employment Act" (MGNREA) ein Programm aufgelegt, das jeder Familie für rund 100 Tage im Jahr bezahlte Arbeit zu den örtlichen Tarifen garantiert. Aus Sicht von Vinod Khoshti wird dies allein aber nicht reichen; notwendig sei vielmehr eine grundsätzlich andere Form der Produktion und Verteilung landwirtschaftlicher Güter.
Ferner nutzte ich die Gelegenheit, um auch von den Vertretern der Rosa-Luxemburg-Stiftung eine Einschätzung zur Menschenrechtssituation in Indien zu bekommen. Dabei kam unter anderem der "Armed Forces (Special Powers) Act" aus dem Jahr 1958 zur Sprache; eine Art Notstandsgesetz, dass der Polizei alle erdenklichen Vollmachten gibt und rechtsstaatliche Verfahren komplett außer Kraft setzt. Aus Protest gegen die Erschießung mehrerer Menschen auf der Grundlage dieses Gesetzes in Manipur ist die damals 28-jährige Aktivistin Irom Sharmila vor über zehn Jahren in einen Hungerstreik getreten. Mittlerweile wächst auch in der Bevölkerung der Widerstand - nicht nur, aber auch wegen einer starken Frau.
