Teil 11: Chennai
Bei Chennai fällt mir zuerst Tennis ein. Nicht, dass ich eine besonders große Affinität zu diesem Sport hätte, aber wenn man in Deutschland Hockey spielt, kommt man um Tennis gar nicht herum. Praktisch alle Hockeyclubs haben auch eine Tennissparte, viele Vereine sogar nur diese beiden. Und so habe ich - lange bevor das deutsche Tenniswunder mit Becker, Graf und Stich begann - häufig das weiße Treiben auf den benachbarten Sandplätzen beobachtet oder am Fernseher mitgefiebert, wenn Jimmy Connors mal wieder ein Wimbledon-Finale gegen den unterkühlten Björn Borg verlor.
Der erste indische Tennisspieler, über den gelegentlich auch in deutschen Medien berichtet wurde, ist Vijay Amitraj. Der brachte es nicht nur zu einem Gastauftritt in einem James Bond Film ("Octopussy"), sondern auch einige Male in die Endrunde der "Indian Open". Das einzige (mir) bekannte ATP-Turnier auf dem Subkontinent fand immer in Madras statt, bis es vor knapp zehn Jahren plötzlich nach Chennai verlegt wurde. Wenigstens dachte ich das. Tatsächlich wurde der Austragungsort jedoch nicht verlegt, sondern im Zuge einer nationalen Entbritisierungswelle einfach umbenannt. Ähnlich wie Madras erging es Metropolen wie Kalkutta (Kolkata), Bangalore (Bengaluru) und Bombay (Mumbai).
So flogen wir mit unserer Delegation also über Bengaluru nach Chennai, der Hauptstadt des Staates Tamil Nadu (und Heimat des Schlagersängers Engelbert). Dort trafen wir Vertreter von Mitgliedern der Observer Research Foundation und anderen NGOs, um mit ihnen über das Verhältnis zwischen Indien und dem südlichen Nachbarn Sri Lanka, die Rolle der "Tamil Tigers", die Konflikte zwischen Fischern aus beiden Ländern und die Menschenrechtslage in der Region zu sprechen.
Im Verhältnis zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften in Tamil Nadu gebe es keine nennenswerten Probleme, erklärte uns Dr. A. M. Chinnappa, der uns später empfing. Der Erzbischof von Madras-Mylapore hat seinen Dienstsitz unmittelbar neben der St. Thomas Basilika, die den Anspruch erhebt, neben dem Petersdom in Rom und der Santiago di Compostela in Madrid eine von drei Basiliken zu sein, die das Grabmal eines der Jünger Jesu beherbergen.
Noch beeindruckender fand ich es allerdings, als der Erzbischof ausführte, dass der Hinduismus anderen Religionen mit weitaus größerer Toleranz begegne als es das prinzipiell missionarisch angelegte Christentum tue. Solche Offenheit und nüchterne Selbsteinschätzung würde ich mir auch von anderen hochrangigen Kirchenvertretern wünschen. Insbesondere vom deutschen Papst. Vielleicht nutzt der frühere Chefinquisitor der römisch-katholischen Kirche ja seine im September anstehende Rede im Bundestag zu einer ähnlichen Selbstkritik. Das jedenfalls wäre endlich mal ein sinnvoller Beitrag im interreligiösen Dialog und eine Chance für die weitere kulturelle Entwicklung in Europa.













