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Teil 3: Freunde fürs Leben
In der Architektenausbildung gibt es den Lehrsatz: "Form follows function." Würde man unter diesem Gesichtspunkt die Gebäude betrachten, in denen die deutschen Repräsentanzen in vielen europäischen Metropolen untergebracht sind, müsste man sich ernsthaft fragen, welche Botschaft von diesen Botschaften ausgesendet werden soll - "Funktionalität" wäre häufig eine schmeichelhafte Bezeichnung für die schlichten und wenig Charme ausstrahlenden Zweckbauten der Vertreter des Landes der Dichter und Denker.
Für die deutsche Botschaft in Neu Delhi gilt dies nicht. Der moderne und großzügige Bau mit seinem weitläufigen Garten strahlt eine Atmosphäre der Gastlichkeit aus, die nach Aussage des derzeitigen Botschafters die gegenwärtige Qualität der deutsch-indischen Beziehungen hervorragend abbildet und zugleich auch Voraussetzung dafür ist. Inder mögen bei der ersten Begegnung mitunter etwas spröde wirken; habe man aber erst einmal ihr Herz erreicht, so habe man "Freunde fürs Leben" gewonnen.
Im Rahmen einer allgemeinen Einführung zur politischen Lage in Indien kam eine breite Themenvielfalt zur Sprache. Indien, so die offizielle Einschätzung, könne zurecht als eine "gereifte" Demokratie angesehen werden. Dies werde nicht an der hohen Wahlbeteiligung sichtbar (an den vergangenen Parlamentswahlen haben über 600 Millionen Menschen, viele davon in ländlichen Gebieten, teilgenommen), sondern auch an einer freien, selbstbewussten Presse und an einer -ungeachtet der verhältnismäßig niedrigen Bezahlung der Richter- insgesamt gut funktionierenden Justiz, die ihre Unabhängigkeit in vielen Verfahren unter Beweis gestellt habe.
Insbesondere bei der Bekämpfung der Korruption sei ein gesellschaftlicher Bewusstseinswandel erkennbar. Anders als noch in den 1980er Jahren, seien die Menschen nicht mehr bereit, Korruption und Bestechlichkeit von Amtsträgern als unabänderlich zu akzeptieren. Das neue Informationsfreiheitsgesetz wirke sich positiv aus, aber auch die Medien und NGOs spielten hier eine wichtige Rolle. Im Zusammenhang mit dem Verdacht der Korruption bei der Vergabe von Mobilfunklizenzen geriet im vergangenen Herbst die bis dahin sehr stabile Regierung beinahe ins Wanken, und in diesen Tagen wurde dazu sogar ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss eingerichtet.
Im Hinblick auf die derzeit in Deutschland geführte Diskussion fand ich bemerkenswert, dass die eher liberale indische Regierung die Nachhaltigkeit des Wirtschaftswachstums mit einem Konzept des "inclusive growth" betreibt, zu deren Bestandteil ganz selbstverständlich auch die Armutsbekämpfung und ein flächendeckender gesetzlicher Mindestlohn gehören. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Premierminister Mammohan Singh sollen, so heißt es, persönlich gut auskommen. Vielleicht kann diese Freundschaft ja auch einen Beitrag dazu leisten, die Offenheit der deutschen Regierung für gute Argumente zu erhöhen.
Teil 2: Das Matchmaking Bhavan
Auch im 21. Jahrhundert gibt es in Indien noch viele arrangierte Ehen. Selbst in ansonsten eher westlich geprägten Gesellschaftsschichten wird darauf hingewiesen, dass arrangierte Ehen (nicht Zwangsehen) statistisch erfolgreicher verlaufen als "Zufallsfunde". Wie das "Matchmaking" im modernen Indien auch funktionieren kann, konnten wie bei unserem Besuch in der indischen Variante des Goethe-Instituts, dem - nach dem berühmten Indologen benannten - Max Mueller Bhavan erfahren.
Das Max Mueller Bhavan in Delhi ist in einer ansehnlichen Villa untergebracht, die in den 1930er Jahren im Zusammenhang mit dem Aufbau des Regierungsviertels in der neuen Hauptstadt Neu Delhi errichtet wurde. Das Max Mueller Bhavan in Delhi, zugleich die Zentrale des Goethe Instituts in der Region Südostasien, existiert seit ca. 50 Jahren. Begrüßt wurden wir durch den Leiter des Instituts, der nicht das erste Mal und nach eigener Aussage sehr gern in Indien arbeitet. Anschließend stellte die Bibliotheksleiterin die im Herbst 2010 neu eröffnete Bibliothek vor, die modern und funktional gestaltet und über eine gute Auswahl deutscher und englischer Literatur verfügt.
Anschließend hatten wir Gelegenheit, mit Deutschstudentinnen der Oberstufe des Max Mueller Bhavan ins Gespräch zu kommen. Der Kurs findet 5 mal in der Woche statt und dauert ca. 1-2 Stunden pro Tag. Die weibliche Form ist hier bewusst gewählt - der einzige Mann des Oberstufenkurses war bei unserem Gespräch nicht dabei. In den unteren Stufen, so konnten wir erfahren, sei das Verhältnis von Frauen und Männern noch ausgeglichen, später jedoch stiegen viele Männer aus. Hierfür hatten die anwesenden Studentinnen eine einleuchtende Erklärung: Frauen sind einfach intelligenter.
Für indische Verhältnisse sind die Kurse nicht ganz billig. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer müssen einen Eigenbeitrag von rund 13.000 Indische Rupien leisten; das entspricht ca. 600 Euro; die Prüfungsgebühren sind darin noch nicht enthalten. Zu ihrer Motivation gaben die Studentinnen ganz unterschiedliche Gründe an - von der Verbesserung der eigenen beruflichen Chancen in einer globalisierten Welt bis hin zur Liebe zur deutschen Sprache und Kultur. Eine Teilnehmerin sagte, sie habe verstehen wollen, was in deutschen Fernsehserien so gesagt wird. Was sie uns nicht verraten hat, ist, inwieweit ihre Erwartungen sich durch ihre jetzt hervorragenden Deutschkenntnissen erfüllt haben. Das aus meiner Sicht bemerkenswerteste Motiv lieferte eine andere Studentin: "Ich traf einen gut aussehenden deutschen Austauschschüler, mit dem ich gern deutsch sprechen wollte." Vermutlich sind es Gründe wie diese, warum das Max Mueller Bhavan (MMB) auch das "Matchmaking Bhavan" genannt wird.
Teil 1: Eine Einladung zur Hochzeit
Im Deutschen heißt es „Vaterland" und „Muttersprache". Ich weiß nicht, was der genaue Grund für diese elterliche Aufgabenverteilung ist (womöglich der Umstand, dass Männer schweigsamer sind als Frauen), aber für mich persönlich finde ich sie sehr passend: Wann immer ich in die Heimat meines Vaters komme, fühle ich mich zu Hause.
Zuletzt war ich vor mehr als zehn Jahren in Indien. Mein Cousin hatte damals geheiratet, und so konnte ich an einer typisch indischen Hochzeit teilnehmen - im engsten Familienkreis, also mit rund 600 Gästen sowie einer bunten Mischung aus jahrhundertealten indischen Ritualen und vergleichsweise neuen Hochzeitsbräuchen westlicher Prägung.
Meine Dienstreise mit der Deutsch-Indischen Parlamentariergruppe hatte noch gar nicht richtig begonnen, da wurde ich wieder zu einer indischen Hochzeit eingeladen. Auf dem Frankfurter Flughafen kam ich ins Gespräch mit Jasveer, einem 25-jährigen Inder, der seit knapp drei Jahren in Kanada arbeitet und nun auf dem Weg in sein Heimatdorf bei Neu Delhi war, um dort zu heiraten. Natürlich zeigte mir Jasveer Bilder von seiner Braut (lebt in Indien, will aber bald nachkommen), seinem jüngeren Bruder (arbeitet in Delhi, möchte aber auch ins Ausland), seinen Kommilitonen in Kanada (darunter eine Ex-Freundin), seinen Eltern (betreiben eine Landwirtschaft, zumindest mit Erbsen und Zuckerrüben) seinen Großeltern sowie einem Cousin - Familie hat in Indien noch immer einen hohen Stellenwert.
Danach unterhielten Jasveer und ich uns noch etwas über Sport und Politik, wobei ich feststellen konnte, dass ich mit zwei Einschätzungen offenbar richtig lag: Erstens gilt Hockey in Indien offiziell zwar nach wie vor als Nationalsport, aber in Wirklichkeit dreht sich alles ums Cricket. Und zweitens scheint es tatsächlich nur eine Frage der Zeit, bis Rahul Gandhi Premierminister wird und damit einer Familientradition folgt, die sein Urgroßvater Jawaharlal „Pandit" Nehru mit der Gründung des unabhängigen Indiens im Jahr 1947 begonnen und dessen Tochter Indira Gandhi sowie ihr Sohn Rajiv Gandhi fortgesetzt hatten. Dessen Witwe, Sonya Gandhi, war klug genug zu erkennen, dass sie als gebürtige Italienierin keine Chance auf ein hohes Staatsamt haben würde; stattdessen übernahm sie den Vorsitz der - mittlerweile wiedererstarkten - Kongresspartei, um dort aus dem Hintergrund umsichtig die politische Karriere ihres Sohnes zu befördern.
Rahul Gandhi wird wegen der laufenden Haushaltsverhandlungen vermutlich keine Zeit haben, um sich mit unserer Delegation zu treffen. Dafür habe ich eine Einladung zu Jasveers Hochzeit bekommen - am 8. März. Wie passend.











