16. September 2011

Nigerianische Impressionen in Kiel

Im Rahmen einer Abendveranstaltung, konnten sich Genossinnen und Genossen über die Situation in Nigeria aus erster Hand informieren lassen. Das Team vom Wahlkreisbüro Raju Sharma in Kiel hatte Tina Barg zu Gast, die aus ihrem Buch „Coming from Nembe“ vortrug. Vortragbegleitend wurde eine Dia-Show gezeigt. Im Anschluss ging Dr. Thomas Herrmann (attac Kiel), auf die Sozialstruktur Nigerias ein.

Nembe ist eine Großstadt im Süden Nigerias. Die Landschaft ist geprägt vom Niger-Delta, einer fast 24.000km² großen Fläche die von Seitenarmen des Niger zerschnitten wird. Dichte Mangrovenwälder säumen die Uferböschungen. Der Boden ist oftmals sumpfig, sodass an den Bau von Autostraßen in diesem Gebiet nicht zu denken ist. Infolgedessen ist das Hauptfortbewegungsmittel das Schnellboot. Schiffe spielen auch die Hauptrolle im Berufsleben der Menschen. Viele Männer verdienen sich ihren Lebensunterhalt als Fischer und Fischhändler. Daneben wird Landwirtschaft betrieben, wobei die Palmölgewinnung ein Schwerpunkt darstellt. Industrielle Arbeitsplätze existieren hingegen kaum, sodass die Arbeitslosenrate in den Städten hoch ist. Umso mehr Bedeutung gewinnt daher die Ölindustrie. Nigeria ist der sechstgrößte Ölproduzent innerhalb der OPEC-Staaten und so verwundert es nicht das 80% der Staatseinnahmen allein dem Rohölhandel entstammen. Für die Menschen in den Förderregionen ist der Rohstoffreichtum eher Fluch als Segen. Immer wieder führen Unfälle in den Förder- und Pipelineanlagen zu Umweltverschmutzung mit katastrophalen Auswirkungen aus Flora und Fauna. Von den Gewinnen die durch den Ölverkauf gemacht werden, kommt in den Fördergebieten nur wenig an. Daher ist auch die Armutsquote in den Ölfördergebieten sehr hoch. Die Ölgelder streicht eine kleine Clique in Politik und Verwaltung ein. Nigeria gehört daher noch immer zu einem der korruptesten Länder der Welt.

Im zweiten Teil des Abends wurde die Gesellschaft Nigerias von Dr. Thomas Herrmann soziologisch erläutert. Im Land existieren beispielsweise verschiedene Ethnien, die bis zu 500 verschiedene Sprachen sprechen. Neben den offiziellen Verwaltungsstrukturen existieren regional und lokal verschiedenste Stammesstrukturen, die eigenen Regeln der Elitenrekrutierung und der Unterordnung folgen. Dieser Tribalismus erschwert zusätzlich effektives und effizientes Handeln vonseiten der Regierung. Neben den zwei großen Religionen – im Norden der Islam, im Süden das Christentum – haben sich allerlei heidnische Naturreligionen und fundamentalistische Sekten gehalten. Außerdem ist der Glaube an Zauberei (witchcraft) eine gesellschaftliche Konvention.

Nigeria leidet heute immer noch an den Spätfolgen der Kolonialzeit. Im 19. Jahrhundert schoben die europäischen Kolonialmächte einer selbstständigen Entwicklung der afrikanischen Gesellschaften einen Riegel vor. Frühformen des Manufakturwesens wurden geschlossen und die Bevölkerung als billige Arbeitskräfte in der Rohstoffausbeutung eingesetzt. Gleichzeitig fungierten die Kolonien als Absatzmärkte für die Produkte der jeweiligen Kolonialmacht. Ein politisch-gesellschaftliches Engagement wurde nur den Teilen der Elite gestattet, die als Garant für die optimale Verwertung der Rohstoffausbeutung fungierten. Infolgedessen, konnte sich keine Form der „guten Regierungsführung“ entwickeln. So verwundert es auch nicht, dass die Demokratie in Nigeria in den Jahren nach der Unabhängigkeit herbe Rückschläge erfuhr. Der Biafra-Krieg von 1970 und diverse Militärdiktaturen ab 1983 sind genauso trauriger Beleg, wie die Ermordung Ken Saro-Wiwas im Jahr 1995. Umso erfreulicher ist es, dass seit 1998 der Weg der Transformation hin zu einem modernen demokratischen Rechtsstaat beschritten wurde. Bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen in Politik, Verwaltung und Wirtschaft diesen Weg konsequent weiterverfolgen, um künftig allen Nigerianern ein Leben in Glück und Wohlstand zu ermöglichen.