Zu meiner dritten Bürgersprechstunde im Kieler Wahlkreisbüro am 13. Juli bekam ich Besuch vom 2. Vorsitzenden der Alevitischen Gemeinde in Kiel. Herr Atif Cucunel nutzte die Gelegenheit, um mir und der LINKEN die Anliegen der alevitischen Bürgerinnen und Bürger in Kiel darzulegen und sich über mich, über meine religionspolitischen Positionen und über DIE LINKE im allgemeinen zu informieren.
Die Alevitische Gemeinde in Kiel ist als e.V. organisiert und hat circa 150 Mitglieder. Neben dem Verein in Kiel gibt es in Schleswig-Holstein noch weitere alevitische Gemeinden in Lübeck und Neumünster. Aktiv sind die Vereine in der Organisation von Nachhilfe-und Freizeitgruppen für die Kinder, sie veranstalten regelmäßige Treffen für Frauen, Jugendliche und Senioren.
Der sich als Religionsgemeinschaft verstehende Verein bekennt sich insbesondere zur unantastbaren Würde des Menschen und zur Gleichberechtigung von Mann und Frau. Er begrüßt die umfassende Gewährleistung von Glaubensfreiheit unter Beachtung der strikten Neutralität des Staates. Die alevitische Lehre gehört zur schiitischen Glaubensrichtung. Sie gilt als besonders liberale Form des Islam, über ihre genaue Einordnung gibt es - auch innerhalb des Alevitentums - unterschiedliche Auffassungen.
Für Herrn Cucunel ist das Bekenntnis zur Glaubens-und Religionsfreiheit das wesentliche Merkmal der alevitischen Gemeinden: "Wir sind offen für 77 Religionen, das ist die wörtliche Übersetzung eines Sprichwortes und meint, offen für alle Religionen. Offen für alle Religionen, die anderen Glaubensrichtungen Respekt und Toleranz entgegenbringen".
Eine weitere zentrale Forderung der Alevitischen Gemeinden ist, dass an öffentlichen Schulen in Deutschland Religionsunterricht nach dem Bekenntnis und Selbstverständnis des alevitischen Glaubens eingeführt wird. Als ich, auf diese Forderung angesprochen, Herrn Cucunel unsere Position für einen für alle Schüler verpflichtenden Ethikunterricht, in dem Schülerinnen und Schüler mit vielfältigen kulturellen und religiösen Hintergründen gemeinsam über ethische Werte und Normen diskutieren können, erläuterte, versicherte er mir, dass dies in Reihen der Alevitischen Gemeinde durchaus Akzeptanz finden könnte.
Zur gegenwärtigen Situation der Aleviten in der Türkei befragt, erzählte er, dass das Verhältnis der Aleviten von starken Spannungen mit den Sunniten bestimmt wird. Zwar dürfen die traditionellen alevitischen Feste inzwischen in der Türkei offen gefeiert werden, allerdings offiziell nicht als religiöse, sondern lediglich als Folkloreveranstaltungen. Es gibt in der Türkei seitens der Bevölkerung starken Druck auf ihre Anhänger, sich dem sunnitischen Islam zuzuwenden oder ihren Glauben zumindest nicht offen zu leben. Schon seit Jahren werden traditionell alevitische Siedlungen erzwungenermaßen „sunnitisiert“. Selbst in mehrheitlich alevitischen Dörfern wurden sunnitische Moscheen gebaut. Dies zeigt, dass die Aleviten bis heute von den Mehrheits-Muslimen nicht als eigenständige und gleichberechtigte Religionsgemeinschaft anerkannt werden.
Die Alevitische Gemeinde sei zwar keine politische Organisation, so Herr Cucunel, aber das Auseinanderklaffen der Schere zwischen Arm und Reich in unserer Gesellschaft und die negativen Auswirkungen der Spar-und Kürzungsvorschläge der Regierungen in Bund und Land würden auch innerhalb ihres Vereins mit Besorgnis zur Kenntnis genommen. An entsprechenden Antworten bestünde Interesse.
Einig waren Herr Cucunel und ich uns darin, dass wir gemeinsam einen Dialog zwischen Aleviten und Linken voranbringen wollen. Den Vorschlag für ein informelles Treffen im Herbst diesen Jahres unterstütze ich und werde ihn an die zuständige Ebene weiterleiten.