Als Rechtsreferendarin konnte ich in den vergangenen zwei Jahren sowohl in die Gerichtsbarkeit, als auch in die Verwaltung einen intensiven Einblick bekommen. Meine Aufgaben waren in dieser Zeit rein juristischer Natur und beschränkten sich fast ausschließlich auf das Bearbeiten von Akten. Umso abwechslungsreicher erschien mir die Ableistung meiner Wahlstation im Büro eines Abgeordneten des Deutschen Bundestages. Ich ging mit keiner bestimmten Erwartungshaltung in diese Station und ließ einfach alles auf mich zukommen. Zumal ich gerade die schriftlichen Klausuren der Zweiten juristischen Staatsprüfung hinter mich gebracht hatte und einfach froh war über einen Tapetenwechsel. Und ich habe diese Entscheidung nicht bereut…
Anfangs erschien mir alles ein wenig verwirrend im „Raumschiff Berlin“. Das Gewusel und diese vielen Gänge in den Bundestagsgebäuden… Es blieb mir also auch nicht erspart, einige Male ein wenig die Orientierung zu verlieren. Besonders verwirrend sind die unterirdischen Gänge, die die einzelnen Gebäude miteinander verbinden. Selbst die Spree stellte für die damaligen Planer kein Hindernis dar. Nur hat sich gerade diese Unterführung vom Marie-Elisabeth-Lüders-Haus (MELH) ins Jakob-Kaiser-Haus (JKH) als besonders tückisch erwiesen. Eigentlich muss man vom MELH nur einer gelben Linie ins JKH folgen. Nur die Suche nach diesem gelben Ding kann sich durchaus schwierig gestalten… Ich ging durch Gänge, die alle gleich aussahen, an einer Sporthalle vorbei (ja, sowas gibt es auch), und landete letztendlich in der Warenannahme. Dort fand ich dann auch das gelbe Ding und alles war wieder gut. Nur den wirklich richtigen Weg habe ich bis heute nicht finden können…
Es war wirklich spannend, einen Einblick in das Zentrum des politischen Geschehens der Bundespolitik zu bekommen. Besonders interessant waren für mich die Sitzungen im Rechtsausschuss und die Fraktionssitzungen. Dass Mitarbeiter von Abgeordneten an Fraktionssitzungen teilnehmen können, ist keine Selbstverständlichkeit. Bei den anderen Fraktionen ist dies nicht möglich. Dabei bekommt man gerade hier einen Einblick in die Interna der Fraktion und kann sich einen eigenen Eindruck über kontrovers diskutierte Themen verschaffen. Und natürlich bekommt man auch ein paar bekannte Gesichter zu sehen J… Aber solche Sitzungen können sich durchaus in die Länge ziehen. Als Abgeordneter braucht man ordentlich Sitzfleisch. Und wenn dann die Wortmeldungen mit dem Satz beginnen: „Also in meinem Wahlkreis ist das so…“ oder „Grundsätzlich bin ich ja der Meinung, dass…“, kann man sich schon auf einen längeren Nachmittag freuen.
Gerade bei einem solchen Besuch der Fraktionssitzung im Reichstag kann es aber auch passieren, dass man auf dem Weg auf Angela Merkel und Ursula von der Leyen trifft. So besonders aufregend war das jetzt nicht. Groß sind die ja beide nicht… Aber in solchen Momenten wird man sich darüber bewusst, dass dies hier einfach kein normaler Arbeitsplatz ist…
Aber auch sonst unterschied sich diese Station völlig von den bisherigen. Mein Referendariat wurde vorwiegend durch das typische Ausbildungsverhältnis zwischen Ausbilder und Auszubildendem geprägt. Umso erfrischender war die Zusammenarbeit mit Raju und Kai, Rajus Büroleiterin im Berliner Büro. Ich wurde sehr freundlich aufgenommen. Raju und Kai waren von Anfang an daran interessiert, dass ich aus meiner Zeit in Berlin möglichst viel mitnehme. So hat Raju als erfahrener Jurist und ständiges Mitglied im Rechtsausschuss auch dafür Sorge tragen können, dass ich fachlich nicht zu kurz komme. Insbesondere konnte ich mich intensiv mit dem Staatskirchenrecht befassen. So beschäftigte ich mich vorwiegend mit einer Initiative zur Ablösung von Staatsleistungen i. S. v. Art. 138 WRV i. V. m. Art. 140 GG. Da Raju religionspolitischer Sprecher der Fraktion DIE LINKE. im Bundestag ist, liegt hier auch ein Schwerpunkt der politischen Arbeit. Eine Besonderheit der Arbeit in Rajus Büro besteht deshalb auch in der Kommunikation mit den Kirchen und Religionsgemeinschaften. So bekam ich die Möglichkeit, an verschiedenen Treffen mit Vertretern der Kirchen teilzunehmen. Abgesehen davon, dass man bei diesen Gelegenheiten sehr gut verköstigt wird J, war es eine einmalige Möglichkeit, das durchaus unterschiedliche politische Wirken der Religionsgemeinschaften zu erleben und sich mit Themen auseinanderzusetzen, über die man sich sonst wohl keine Gedanken machen würde.
Gerade vor dem Hintergrund, dass die Wahl erst wenige Monate zurücklag und auch während meiner Zeit noch ein paar räumliche Veränderungen vorgenommen wurden, möchte ich Kai und Raju besonders dafür danken, mich trotz dieser Schwierigkeiten so nett aufgenommen zu haben. Die ganze Arbeitsatmosphäre war von Offenheit und Vertrauen geprägt und die herzliche Art von Kai und Raju hat maßgeblich zu meinem Wohlbefinden während der Zeit in Berlin beigetragen. Auch ist dank des intensiven Einblicks mein Interesse an der Bundespolitik wieder erwacht und ich werde in Zukunft das Geschehen in Berlin mit ganz anderen Augen verfolgen…