Brückenbauer - National Prayer Breakfast 2012
Seit nun mehr 60 Jahren treffen sich Akteure aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Religion auf Einladung von Abgeordneten des US-Senats und des Repräsentantenhauses zum "National Prayer Breakfast" in Washington. Als religionspolitischer Sprecher meiner Fraktion habe ich nun schon zum zweiten Mal an diesem spannenden Zusammentreffen teilgenommen.
Eat Pray Love – was in dem Bestseller von Liz Gilbert in zeitlich aufeinander folgenden Abschnitten ihres Lebens beschreibt, könnte auch eine minimalistische Zusammenfassung der Leitidee des „National Prayer Breakfast“ bilden, das seit 1953 immer am ersten Donnerstag im Februar in Washington stattfindet. Bereits einige Jahre zuvor hatten sich einige Kongressabgeordnete beider Parteien getroffen, um bei einem gemeinsamen Frühstück göttlichen Rat für die anstehende Entscheidung über einen amerikanischen Beitritt zum Zweiten Weltkrieg zu erbitten. Der informelle und parteiübergreifende Charakter war später auch ein wesentliches Merkmal des ersten "offiziellen" National Prayer Breakfast, an dem Mitglieder des Senats, des Repräsentantenhauses, Präsident Dwight D. Eisenhower und weitere hohe Würdenträger teilnahmen.
Das National Prayer Breakfast ist kein Kirchentag, und die meisten der über 3.000 Führungspersönlichkeiten aus Politik, Kultur und Wirtschaft, die in diesem Jahr aus aller Welt nach Washington gereist sind, würden sich wohl auch nicht unbedingt als Christen bezeichnen - eher als Menschen, die sich gemeinsam mit Gleichgesinnten darum bemühen, Nächstenliebe und Barmherzigkeit praktisch zu leben. Dies ist dann auch das Hauptthema in der (sehr unterhaltsamen) Festrede von Eric Metaxas, Bestseller-Autor und "New York Times"-Kolumnist, der am Beispiel des deutschen Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer deutlich macht, worin der Unterschied zwischen gelebtem Glauben und "dead religion" liegt. Auch sonst beziehen sich viele der Redner ausdrücklich nicht auf die Kirche sondern auf den Menschen Jesus, und die Offenheit, mit der hier nicht nur evangelische und katholische Christen, sondern auch Muslime, Juden, Buddhisten und Hindus am Mikrofon begrüßt werden, scheint gerade wegen ihrer selbstverständlich wirkenden Herzlichkeit außergewöhnlich.
Gemessen am „Frühstückspodium“ – in diesem Jahr u.a. mit Präsident Barack Obama, Vizepräsident Joe Biden, der früheren Sprecherin des Repräsentantenhauses Nancy Pelosi und Footballstar Robert Griffin III wieder prominent besetzt - sind die vielen kleinen Gesprächsrunden im Rahmenprogramm des National Prayer Breakfast weniger spektakulär, aber für viele der Teilnehmenden mindestens ebenso interessant. So wie das Treffen mit Mike Timmis, Rechtsanwalt aus Detroit, der als Vorsitzender der „Prison Fellowship“ humanitäre Hilfe für Gefangene in aller Welt organisiert. Oder mit dem Geschäftsmann aus Kalifornien, der über sein Projekt zur Unterstützung von Waisenkindern in Somalia berichtet. Oder mit Amanda, die sich gemeinsam mit vielen ehrenamtlichen Kräften und mit städtischer Unterstützung darum kümmert, dass Kinder aus sozial benachteiligten Familien im Südwesten Washingtons praktische Angebote für eine sinnvolle Freizeitgestaltung und verlässlich konkrete Hilfe bekommen, wo sie gebraucht wird.
Die deutsche Delegation wird auch in diesem Jahr wieder von Rudolf Decker geleitet. Der ehemalige Landtagsabgeordnete aus Böblingen hatte vor über 30 Jahren die parlamentarischen Gebetsfrühstückskreise in Deutschland mitbegründet. Auch sonst ist Decker in vielfacher Weise als Botschafter in Sachen Völkerverständigung unterwegs, und die Selbstverständlichkeit, mit der sich ihm und seinen Begleitern die Türen zu hochrangigen Gesprächspartnern im Capitol geöffnet werden, ist eines von vielen Zeichen der Wertschätzung, die seine Arbeit hier erfährt.
Bei den Gesprächen mit Peter Ammon, dem deutschen Botschafter in Washington, Daniel Coats, seinem langjährigen Pendant in Berlin, und Charles Grassley, republikanischer Senator aus Iowa, standen Themen wie die deutsch-amerikanischen Beziehungen, die Finanzkrise und ihre Folgen, die Rolle der Deutschen Bank beim Platzen der Immobilienblase in den USA sowie die anstehenden Präsidentschaftswahlen im Mittelpunkt. Die Erfahrungen mit der amerikanischen Variante des Fundraising bei Wahlkämpfen und die Art der Parteienfinanzierung insgesamt erscheinen gerade im Hinblick auf die in Deutschland laufenden Diskussionen über Lobbyismus, Parteiensponsoring u.ä. einer näheren Betrachtung wert. Die hohe Staatsverschuldung wird in den USA auch wegen der damit verbundenen Abhängigkeit von ausländischen Investoren (vor allem China) kritisch bewertet. Das Ziel der Haushaltskonsolidierung ist auch ein wesentlicher Grund für den eingeleiteten Abzug der amerikanischen Truppen aus Afghanistan. Zugleich wird erwartet, dass nunmehr die europäischen Verbündeten „verstärkt Verantwortung übernehmen“, also zusätzliches Militär entsenden. Die Frage, ob es nicht sinnvoller sei, in anderer Weise Verantwortung zu übernehmen, zum Beispiel durch eine vorbeugende Politik im Sinne einer gerechten Weltwirtschaftsordnung, einer Verstärkung der Entwicklungszusammenarbeit oder einem Verzicht von Waffenexporten, wurde zügig als "europäisches Denken" und somit abwegig verworfen; der Einsatz von Militär zur Durchsetzung eigener Interessen wird nach wie vor als eine selbstverständliche Option US-amerikanischer Außenpolitik angesehen.
Übereinstimmung in allen Punkten gab es weder in diesen Gesprächen noch bei den Festreden zum National Prayer Breakfast. Widersprüche wurden benannt, aber auch ausgehalten. Niemand hat den Anspruch erhoben, er wüsste die richtige Antwort auf alle Fragen oder könne übers Wasser gehen. Doch Brücken bauen können wir alle.
Raju Sharma
Mehr zum National Prayer Breakfast 2012 unter:
www.idea.de/index.php
www.washingtonpost.com/blogs/under-god/post/the-national-prayer-breakfast-live-coverage/2012/02/02/gIQAxVBCkQ_blog.html

