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Jasveer ist auf dem Weg zu seiner Hochzeit in Indien.

Im Deutschen heißt es „Vaterland" und „Muttersprache". Ich weiß nicht, was der genaue Grund für diese elterliche Aufgabenverteilung ist (womöglich der Umstand, dass Männer schweigsamer sind als Frauen), aber für mich persönlich finde ich sie sehr passend: Wann immer ich in die Heimat meines Vaters komme, fühle ich mich zu Hause.

Zuletzt war ich vor mehr als zehn Jahren in Indien. Mein Cousin hatte damals geheiratet, und so konnte ich an einer typisch indischen Hochzeit teilnehmen - im engsten Familienkreis, also mit rund 600 Gästen sowie einer bunten Mischung aus jahrhundertealten indischen Ritualen und vergleichsweise neuen Hochzeitsbräuchen westlicher Prägung.

Meine Dienstreise mit der Deutsch-Indischen Parlamentariergruppe hatte noch gar nicht richtig begonnen, da wurde ich wieder zu einer indischen Hochzeit eingeladen. Auf dem Frankfurter Flughafen kam ich ins Gespräch mit Jasveer, einem 25-jährigen Inder, der seit knapp drei Jahren in Kanada arbeitet und nun auf dem Weg in sein Heimatdorf bei Neu Delhi war, um dort zu heiraten. Natürlich zeigte mir Jasveer Bilder von seiner Braut (lebt in Indien, will aber bald nachkommen), seinem jüngeren Bruder (arbeitet in Delhi, möchte aber auch ins Ausland), seinen Kommilitonen in Kanada (darunter eine Ex-Freundin), seinen Eltern (betreiben eine Landwirtschaft, zumindest mit Erbsen und Zuckerrüben) seinen Großeltern sowie einem Cousin - Familie hat in Indien noch immer einen hohen Stellenwert.

Danach unterhielten Jasveer und ich uns noch etwas über Sport und Politik, wobei ich feststellen konnte, dass ich mit zwei Einschätzungen offenbar richtig lag: Erstens gilt Hockey in Indien offiziell zwar nach wie vor als Nationalsport, aber in Wirklichkeit dreht sich alles ums Cricket. Und zweitens scheint es tatsächlich nur eine Frage der Zeit, bis  Rahul Gandhi Premierminister wird und damit einer Familientradition folgt, die sein Urgroßvater Jawaharlal „Pandit" Nehru mit der Gründung des unabhängigen Indiens im Jahr 1947 begonnen und dessen Tochter Indira Gandhi sowie ihr Sohn Rajiv Gandhi fortgesetzt hatten. Dessen Witwe, Sonya Gandhi, war klug genug zu erkennen, dass sie als gebürtige Italienierin keine Chance auf ein hohes Staatsamt haben würde; stattdessen übernahm sie den Vorsitz der - mittlerweile wiedererstarkten - Kongresspartei, um dort aus dem Hintergrund umsichtig die politische Karriere ihres Sohnes zu befördern.

Rahul Gandhi wird wegen der laufenden Haushaltsverhandlungen vermutlich keine Zeit haben, um sich mit unserer Delegation zu treffen. Dafür habe ich eine Einladung zu Jasveers Hochzeit bekommen - am 8. März. Wie passend.

Gespräche im Max Mueller Bhavan

Auch im 21. Jahrhundert gibt es in Indien noch viele arrangierte Ehen. Selbst in ansonsten eher westlich geprägten Gesellschaftsschichten wird darauf hingewiesen, dass arrangierte Ehen (nicht Zwangsehen) statistisch erfolgreicher verlaufen als "Zufallsfunde". Wie das "Matchmaking" im modernen Indien auch funktionieren kann, konnten wie bei unserem Besuch in der indischen Variante des Goethe-Instituts, dem - nach dem berühmten Indologen benannten - Max Mueller Bhavan erfahren.

 

Das Max Mueller Bhavan in Delhi ist in einer ansehnlichen Villa untergebracht, die in den 1930er Jahren im Zusammenhang mit dem Aufbau des Regierungsviertels in der neuen Hauptstadt Neu Delhi errichtet wurde.  Das Max Mueller Bhavan in Delhi, zugleich die Zentrale des Goethe Instituts in der Region Südostasien,  existiert seit ca. 50 Jahren. Begrüßt wurden wir durch den Leiter des Instituts, der nicht das erste Mal und nach eigener Aussage sehr gern in Indien arbeitet. Anschließend stellte die Bibliotheksleiterin die im Herbst 2010 neu eröffnete Bibliothek vor, die modern und funktional gestaltet und über eine gute Auswahl deutscher und englischer Literatur verfügt.

 

Anschließend hatten wir Gelegenheit, mit Deutschstudentinnen der Oberstufe des Max Mueller Bhavan ins Gespräch zu kommen. Der Kurs findet 5 mal in der Woche statt und dauert ca. 1-2 Stunden pro Tag. Die weibliche Form ist hier bewusst gewählt - der einzige Mann des Oberstufenkurses war bei unserem Gespräch nicht dabei. In den unteren Stufen, so konnten wir erfahren, sei das Verhältnis von Frauen und Männern noch ausgeglichen, später jedoch stiegen viele Männer aus. Hierfür hatten die anwesenden Studentinnen eine einleuchtende Erklärung: Frauen sind einfach intelligenter.

 

Für indische Verhältnisse sind die Kurse nicht ganz billig. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer müssen einen Eigenbeitrag von rund 13.000 Indische Rupien leisten; das entspricht ca. 600 Euro; die Prüfungsgebühren sind darin noch nicht enthalten. Zu ihrer Motivation gaben die Studentinnen ganz unterschiedliche Gründe an - von der Verbesserung der eigenen beruflichen Chancen in einer globalisierten Welt bis hin zur Liebe zur deutschen Sprache und Kultur. Eine Teilnehmerin sagte, sie habe verstehen wollen, was in deutschen Fernsehserien so gesagt wird. Was sie uns nicht verraten hat, ist, inwieweit ihre Erwartungen sich durch ihre jetzt hervorragenden Deutschkenntnissen erfüllt haben. Das aus meiner Sicht bemerkenswerteste Motiv lieferte eine andere Studentin: "Ich traf einen gut aussehenden deutschen Austauschschüler, mit dem ich gern deutsch sprechen wollte." Vermutlich sind es Gründe wie diese, warum das Max Mueller Bhavan (MMB) auch das "Matchmaking Bhavan" genannt wird.


Ansichten des Alten Delhis

In der Architektenausbildung gibt es den Lehrsatz: "Form follows function." Würde man unter diesem Gesichtspunkt die Gebäude betrachten, in denen die deutschen Repräsentanzen in vielen europäischen Metropolen untergebracht sind, müsste man sich ernsthaft fragen, welche Botschaft von diesen Botschaften ausgesendet werden soll - "Funktionalität" wäre häufig eine schmeichelhafte Bezeichnung für die schlichten und wenig Charme ausstrahlenden Zweckbauten der Vertreter des Landes der Dichter und Denker.

 

Für die deutsche Botschaft in Neu Delhi gilt dies nicht. Der moderne und großzügige Bau mit seinem weitläufigen Garten strahlt eine Atmosphäre der Gastlichkeit aus, die nach Aussage des derzeitigen Botschafters die gegenwärtige Qualität der deutsch-indischen Beziehungen hervorragend abbildet und zugleich auch Voraussetzung dafür ist. Inder mögen bei der ersten Begegnung mitunter etwas spröde wirken; habe man aber erst einmal ihr Herz erreicht, so habe man "Freunde fürs Leben" gewonnen.

 

Im Rahmen einer allgemeinen Einführung zur politischen Lage in Indien kam eine breite Themenvielfalt zur Sprache. Indien, so die offizielle Einschätzung, könne zurecht als eine "gereifte" Demokratie angesehen werden. Dies werde nicht an der hohen Wahlbeteiligung sichtbar (an den vergangenen Parlamentswahlen haben über 600 Millionen Menschen, viele davon in ländlichen Gebieten, teilgenommen), sondern auch an einer freien, selbstbewussten Presse und an einer -ungeachtet der verhältnismäßig niedrigen Bezahlung der Richter- insgesamt gut funktionierenden Justiz, die ihre Unabhängigkeit in vielen Verfahren unter Beweis gestellt habe.

 

Insbesondere bei der Bekämpfung der Korruption sei ein gesellschaftlicher Bewusstseinswandel erkennbar. Anders als noch in den 1980er Jahren, seien die Menschen nicht mehr bereit, Korruption und Bestechlichkeit von Amtsträgern als unabänderlich zu akzeptieren. Das neue Informationsfreiheitsgesetz wirke sich positiv aus, aber auch die Medien und NGOs spielten hier eine wichtige Rolle. Im Zusammenhang mit dem Verdacht der Korruption bei der Vergabe von Mobilfunklizenzen geriet im vergangenen Herbst die bis dahin sehr stabile Regierung beinahe ins Wanken, und in diesen Tagen wurde dazu sogar ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss eingerichtet.

 

Im Hinblick auf die derzeit in Deutschland geführte Diskussion fand ich bemerkenswert, dass die eher liberale indische Regierung die Nachhaltigkeit des Wirtschaftswachstums mit einem Konzept des "inclusive growth" betreibt, zu deren Bestandteil ganz selbstverständlich auch die Armutsbekämpfung und ein flächendeckender gesetzlicher Mindestlohn gehören. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Premierminister Mammohan Singh sollen, so heißt es, persönlich gut auskommen. Vielleicht kann diese Freundschaft ja auch einen Beitrag dazu leisten, die Offenheit der deutschen Regierung für gute Argumente zu erhöhen.


Zu den Fernsehsendungen, die mein Leben am stärksten beeinflusst haben - weit mehr als "Bonanza", "Flipper", "Sportschau" oder "Lindenstraße" - gehört die BBC-Serie "Yes Minister". Am Beispiel des Wirkens des (fiktiven) Ministers Jim Hacker werden darin - sehr kenntnisreich und sachkundig - die Funktionsweisen und Hintergründe von politischen Prozessen geschildert. Eine der ersten Lektionen dieser Serie, die nicht nur bei Freunden des britischen Humors Kultstatus genießt, ist das "Gesetz der inversen Relevanz", dem zufolge Inhalt und Verpackung in der Politik häufig in einem reziproken Verhältnis zueinanderstehen. Anders gesagt: Wenn die im Titel eines Gesetzes formulierten Ansprüche besonders ambitioniert und umfangreich erscheinen, ist es mit den konkreten Inhalten zumeist nicht allzu weit her. Wer sich an "Rentensicherungsgesetze", "Konjunkturförderungsprogramme" oder ähnliche Großtaten der deutschen Gesetzgebung erinnert, weiß, was gemeint ist.

In diesem Sinne beschreibt der Titel des "Ministeriums für soziale Gerechtigkeit" zunächst einmal lediglich einen Anspruch (so wie die Attribute "christlich-sozial" oder "sozialdemokratisch" im deutschen Parteiensystem). Nach Auffassung des seit 2009 zuständigen Ministers MukulWasnik bemüht sich die indische Regierung jedoch, diesem Anspruch auch Taten folgen zu lassen. Sein Haus kümmere sich vorrangig um die Belange der sozial Benachteiligten, darunter Menschen mit Behinderungen, Angehörige der "eingeborenen Stämme" und diejenigen, die unter den früher geltenden Regeln des Kastensystems als "unberührbar" galten. Das Ministerium wachse - mitsamt seinen Aufgaben, dem Budget und dem Personal. Für die unterschiedlichen Zielgruppen habe man spezielle Förderprogramme entwickelt. Dabei werde ein Gesamtkonzept verfolgt, dessen Hauptbestandteile die Förderung von Ausbildung, die Vermittlung und Gewährung günstiger Kredite sowie die finanzielle Unterstützung bei der Vermarktung von Produkten seien.

Wie Deutschland hat auch Indien die UN-Konvention zur Integration von Menschen mit Behinderungen unterzeichnet. Die Umsetzung dieser Konvention stelle die Regierung und den Gesetzgeber - auch wegen des zunehmenden Drucks der Behindertenaktivisten - vor große Herausforderungen, so der Minister. Man sei aber fest entschlossen, diese Aufgabe zu bewältigen. Zum Abschied gab es für jeden Teilnehmer der deutschen Delegation ein hübsches und praktisches Gastgeschenk. Ob uns das gefallen würde? "Yes Minister!"

Zu den Highlights parlamentarischer Delegationsreisen gehören naturgemäß die Treffen mit den politischen Größen des Gastgeberlandes. Ein Politiker, der in Indien insbesondere bei der jüngeren Generation fast schon Popstar-Image genießt, ist der Urenkel des Staatsgründers Nehru, Rahul Gandhi. Umso betrüblicher war zumindest für mich die Nachricht, Rahul Gandhi sei gestürzt. Dabei hat er sich ein Bein gebrochen und konnte nun definitiv nicht mit uns reden.

Die Stürze von Politikern und ihre Folgen waren auch Thema unseres Treffens mit dem indischen Außenminister S. M. Krishna. Auch Indien betrachte die Entwicklung in Arabien mit großem Interesse und auch mit Sorge. Mittlerweile habe man begonnen, die ca. 18.000 indischen Staatsbürger aus Libyen zu evakuieren. Schwerpunkt des gut halbstündigen Gesprächs mit dem Außenminister war die Lage in Afghanistan. Aus Sicht der indischen Regierung sollte der Westen die Region nicht allein lassen, zumal ein Nachbar (dessen Name offenbar nicht genannt werden darf) eine unrühmliche Rolle spiele. Die Probleme in Afghanistan seien noch nicht gelöst, noch immer würden Terroristen das Land, dessen Name nicht genannt werden darf, als Rückzugsgebiet für Anschläge in Afghanistan nutzen. Meine Frage, welchen Sinn vor diesem Hintergrund der Verbleib von Soldaten in Afghanistan habe, wurde nicht beantwortet. Immerhin bestand Einigkeit darüber, dass nicht geplant sei, gegen das Land, dessen Name nicht genannt werden darf, militärisch vorzugehen.

Minister Salman Kursheed ist in der indischen Regierung für die Belange der Minderheiten zuständig. Dazu zählen nicht nur, aber vor allem die religiösen Minderheiten - die fünf größten (Muslims, Sikhs Christen, Buddhisten, Parsis) werden im Gesetz ausdrücklich genannt, für die anderen - u.a. auch sexuelle Minderheiten - gilt das allgemeine Diskriminierungsverbot der Verfassung. Soweit Christen angegriffen worden sind, seien Bundesregierung und die regionalen Behörden konsequent dagegen vorgegangen. Allerdings sei in der Vergangenheit nicht nur die christliche Minderheit Opfer von Gewalttaten gewesen; so habe es im Staat Gujarat deutlich mehr Übergriffe auf Muslims gegeben.

Umweltminister JairamRamesh gilt als enger Vertrauter der Familie Gandhi, Medienprofi und Schwergewicht im Kabinett. Engagiert erläuterte er einige seiner aktuellen Vorhaben, darunter der Schutz der vom Aussterben bedrohten Tigerarten (es gebe aber auch Projekte zum Schutz von Elefanten, Walen und Delfinen). Bei den regenerativen Energien setze Indien jetzt verstärkt auf den Ausbau der Solartechnik. Angesichts von 350 Sonnentagen im Jahr sei dies überfällig gewesen. Und zur indischen Forstwirtschaft wusste der Minister zu berichten, dass diese unter britischer Besatzung errichtet und danach ein Vierteljahrhundert von deutschen Fachleuten geleitet wurde. Und dann stürzte noch ein Politiker. Während wir mit JairamRamesh sprachen, erklärte Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Rücktritt vom Amt des deutschen Verteidigungsministers.

Erst die Regierung, dann das Parlament: Man kann darüber streiten, ob diese Reihenfolge protokollarisch falsch oder dramaturgisch genau richtig gewesen ist - vermutlich war es reiner Zufall. So oder so habe ich mich gefreut, dass unsere Delegation nach einer ganzen Reihe von (durchaus interessanten) Treffen mit Ministern endlich auch mit Abgeordneten ins Gespräch kam.

Die Themen bei unserer Begegnung mit den Mitgliedern des Auswärtigen Ausschusses der Lok Sabha unterschieden sich allerdings nicht sehr von denen der vorherigen Treffen. Auch hier wiesen unsere indischen Gesprächspartner auf das lang andauernde Wirtschaftswachstum hin, dass in Indien selbst in der Finanzkrise noch sechs Prozent betragen habe und nun wieder bei über acht Prozent liege. Auch hier freute man sich auf das deutsch-indische Jahr 2011/2012 in Indien und das folgende indisch-deutsche Jahr in Deutschland in 2012/2013 (oder andersherum). Auch hier wurde betont, dass die wechselseitige Wertschätzung und das Interesse an der Kultur des Partnerlandes zugleich eine Grundlage für gute Wirtschafts- und Finanzbeziehungen bilden kann. Auch hier wurde die Lage in Afghanistan thematisiert, mit Statements von beiden Seiten (und einem Minderheitenvotum des Vertreters der deutschen Antikriegspartei). Auch der Rücktritt des deutschen Verteidigungsministers war Thema - überraschend fand ich dabei allerdings die spontane Reaktion des Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses: "Das können wir toppen - einer unserer Minister sitzt im Gefängnis."

Gelobt wurde von unseren Gesprächspartnern auch die Entwicklung der Europäischen Union, die aus Sicht der indischen Abgeordneten eine einzige Erfolgsgeschichte sei. Dass diese Einschätzung nicht von allen gesellschaftlichen Kräften geteilt wird, konnte ich erfahren, als ich mich kurze Zeit später mit einer Vertreterin und einem Vertreter der (außerparlamentarischen) Bewegung gegen das geplante Freihandelsabkommen zwischen Indien und der EU traf. Beide machten anschaulich deutlich, mit welchen Risiken und Nebenwirkungen dieses Abkommen verbunden ist, so zum Beispiel die Verdrängung von indischen Einzelhändlern durch große Supermarktketten oder die Zerschlagung des indischen Gesundheitssystems durch europäische Pharmakonzerne.

Doch dann gab es doch etwas, das mir sehr vertraut vorkam: Denn neben allen inhaltlichen Bedenken wurde noch ein weiterer Grund genannt, der die Gegner des Freihandelsabkommens in Wut gebracht und damit die jetzige Widerstandsbewegung erst ermöglicht hat: Der Zorn darüber, dass die Verhandlungen zu diesem Abkommen trotz eines Informationsfreiheitsgesetzes faktisch als Geheimverhandlungen hinter verschlossenen Türen stattfinden. Außerhalb des Parlaments.

Mitte: Weltwärts-Teilnehmer aus Schleswig-Holstein

In den Besuchsprogrammen parlamentarischer Delegationen finden sich üblicherweise vornehmlich Termine mit Repräsentanten aus Politik und Wirtschaft. Derartige Gespräche sind zumeist interessant und nützlich; dennoch finde ich es wichtig, auch mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die die Dinge aus einer anderen Perspektive sehen.

Solche Gesprächspartner fanden wir bei unserem Treffen mit gut 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmern - darunter zwei junge Männer aus Schleswig-Holstein (Flensburg bzw. Kiel) - des ­"Weltwärts"-Programms. Das ­"Weltwärts"-Programm ist ein von der Bundesregierung mit ca. 30 Millionen Euro jährlich geförderter entwicklungspolitischer Freiwilligendienst, in dem seit 2009 rund 11.000 junge Menschen für jeweils sechs bis zwölf Monate weltweit eingesetzt sind. In Indien arbeiten derzeit 324 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die von etwa 40 Organisationen entsandt worden sind.

Projektträger sind Organisationen wie VIA, AFS, ICJA, Misereor, Don Bosco und andere freie Träger. Das Programm wird derzeit evaluiert. Konkret sind die jungen Erwachsenen in Schulen, Kindergärten, ­Jugendclubs oder Kinderheimen eingesetzt. Sie arbeiten mit benachteiligten Kindern aus Slums, Kindern mit Lernschwächen, mit Flüchtlingen und geben Englischunterricht und Nachhilfe, bieten Freizeitaktivitäten und soziales Training an, entwickeln spezielle Angebote für Mädchen und zur Gesundheitsvorsorge. Die Unterbringung wird durch die jeweiligen Projektträger organisiert, einige Teilnehmer sind gemeinsam in einer WG untergebracht, andere mit indischen Mitbewohnern oder in Gastfamilien, zum Teil aber auch beim Projekt selbst. Die Unterbringung in Gastfamilien wurde als eher ungünstig beurteilt, weil dabei die Gefahr bestehe, dass man nicht aus einer "deutschen Blase" herauskommt.

Zu ihrer Motivation befragt, erklärten die jungen Erwachsenen: Sie wollten sozial arbeiten, aber nicht unbedingt in Deutschland; Erfahrungen sammeln, Horizont erweitern. Fast alle Gesprächspartner sagten, sie würden aufgrund der eigenen Erfahrungen auch ihren Freunden in Deutschland die Teilnahme an dem Programm empfehlen. Mehrere unserer Gesprächspartner erklärten, sie hätten ein anderes Bewusstsein für die Folgen der Globalisierung und die Spaltung einer Gesellschaft entwickelt, die eigene Toleranz, die interkulturelle Kompetenz sowie Selbstständigkeit ausgebaut und größere Gelassenheit gewonnen.

Noch eine Erkenntnis aus den geschilderten Erfahrungen: Bei allem Elend stand beim Umgang mit den Kindern aus den Slums nicht etwa das Mitleid im Vordergrund, sondern das Gefühl, dass Kinder überall auf der Welt die gleichen Wünsche, Bedürfnisse und Hoffnungen haben. Allein dafür lohnt es sich, die Perspektive zu wechseln.

Treffen mit NGOs und Menschenrechtsexperten

Ein Wechsel der Perspektive ist eigentlich immer gut, um den eigenen Standpunkt richtig einordnen zu können. Für Politiker - und gerade für Abgeordnete - gilt das ganz besonders. Eine weitere Sicht auf die politische Situation in Indien konnten wir bei unserem Treffen mit Menschenrechtsexperten und Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Nichtregierungsorganisationen kennen lernen.

Zur Lage der religiösen Minderheiten in Orissa gab Prof. Rehmann vom "Dr. K. R. Narayanan Centre for Dalit and Minorities" der JamiaMilliaIslamia Universität einige Hintergrundinformation. In dem Staat an der indischen Ostküste hatte sich bereits in den 1930er Jahren eine Bewegung mit dem Ziel eines unabhängigen christlichen Staates formiert. Soweit es die aktuelle Situation betreffe, sei unstrittig, dass es in den vergangenen Jahren zu Übergriffen auf Christen (und Muslime) gekommen sei; während jedoch die staatlichen Stellen die Ursache der Angriffe eher in Landkonflikten verorten, sehe er die Aggressionen vor allem als religiös motiviert an.

Die Lage der Minderheiten stellt sich im Nordosten Indiens nach Einschätzung von Prof. Hazarika vom "Centre for North East Studies" und U.N. Singh, dem Direktor der "United NGO Mission in Manipur", komplett anders und insoweit unterschiedlich dar, als die ethnischen Minderheiten dort zahlenmäßig zum Teil wesentlich größer und auch parlamentarisch stärker verankert seien. Insgesamt hätten die staatlichen Stellen Übergriffe gegen Minderheiten in den vergangenen Jahren konsequent verfolgt, und praktisch überall liefen Gespräche zwischen der Regierung und Widerstandsbewegungen mit dem Ziel, den - derzeit noch fragilen - Frieden zu stabilisieren. Problematisch sei aber nach wie vor die Versorgung der Menschen mit sauberem Wasser, Lebensmitteln u.a.

Die Leiterin des "Centre for Social Research", Dr. Kumari, schilderte die Entwicklung der Menschenrechte in Indien aus einer feministischen Perspektive. Nach wie vor sei häusliche Gewalt gegen Frauen weit verbreitet, ebenso die Zwangsabtreibungen weiblicher Föten. Auch hätten viele Mädchen keinen Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung. Positiv sei, dass das gesellschaftliche Bewusstsein für diese Fragen wachse und Frauen und Mädchen ihre Menschenrechte zunehmend einforderten. Aktuell setze sich eine "Koalition der Frauen" für ein "Gender Budget" ein. Bis dahin sei es aber noch ein weiter Weg.

Dr. MarianusKujur, Leiter der "Tribal and Dalit Unit" des Indian Social Institute, Christ und Angehöriger einer ethnischen Minderheit, erläuterte die Zusammenhänge zwischen demokratischen Defiziten, religiöser Diskriminierung, Verfolgung ethnischer Minderheiten und sozialen Konfliktursachen, z.B. aufgrund des fehlenden Zugangs ganzer Bevölkerungsschichten zu natürlichen Ressourcen. Damit Indien den Anspruch, die größte Demokratie der Welt zu sein, erfüllen könne, müssten auch diese Fragen geklärt werden. Dazu bräuchte es u.a. Mechanismen zur zivilen Konfliktlösung. Diese sind vor allem dann erfolgreich, wenn es den Beteiligten gelingt, sich in die Lage der jeweils anderen Seite zu versetzen - und sich damit eine andere Perspektive zu verschaffen.

Sitz der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Neu Delhi

Wenn es um die Frage geht, in welchem Land der Erde die Gleichstellung von Frauen und Männern am weitesten fortgeschritten ist, gehört Indien - trotz einer in dieser Hinsicht recht weitgehenden Gesetzgebung - zweifellos nicht zu den führenden Nationen. Ungeachtet dessen dürfte kaum ein Zweifel daran bestehen, dass der Vielvölkerstaat mit Indira Gandhi eine Politikerin hervorgebracht hat, die in ihrer Amtszeit als Premierministerin zu den mächtigsten Frauen der Welt gehört hat.

Seit dem vergangenen Jahr hat eine weitere starke Frau eine Heimat in Indien gefunden. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung ist zwar schon seit 2002 in Asien engagiert. Doch erst im Jahr 2010 wurde, neben drei weiteren Regionalbüros, auch ein Büro in Neu Delhi errichtet. Bis dahin wurden auch die Südasien-Projekte aus der Berliner Zentrale heraus gesteuert. Nun sind in einer Partnerkooperation unter der Leitung von Dr. Carsten Krinn noch fünf weitere Kräfte im Regionalbüro in Delhi beschäftigt. Dazu kommen Praktikantinnen und Praktikanten, die hier anspruchsvolle Aufgaben und interessante Einsatzmöglichkeiten vorfinden.

Das Regionalbüro ist in einem zweistöckigen Bürogebäude der indischen Hauptstadt untergebracht. Direkt nebenan befindet sich ein belebter Markt, und auch die Nähe zu den renommierten Universitäten ist kein Zufall. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung in Neu Delhi hat ihren Standort mitten in der Stadt.

Im Mittelpunkt meines Gesprächstermins mit Carsten Krinn und Projektleiter VinodKhoshti, dem Landwirtschaftsexperten der RLS in Neu Delhi, standen jedoch weniger die Menschen in der Stadt sondern vielmehr die Familien auf dem Land, deren Lebensbedingungen die indische Politik vor besondere Herausforderungen stellen. 70 Prozent der Inder arbeiten in der Landwirtschaft, viele davon leben in Armut. In den vergangenen zwölf Jahren begingen rund 200.000 Bauern in Indien Selbstmord, weil sie keine Perspektiven für sich und ihre Familien sehen. Um die Situation der Menschen auf dem Land zu verbessern, hat die Regierung mit dem "Mahatma Gandhi NationalRuralEmployment Act" (MGNREA) ein Programm aufgelegt, das jeder Familie für rund 100 Tage im Jahr bezahlte Arbeit zu den örtlichen Tarifen garantiert. Aus Sicht von VinodKhoshti wird dies allein aber nicht reichen; notwendig sei vielmehr eine grundsätzlich andere Form der Produktion und Verteilung landwirtschaftlicher Güter.

Ferner nutzte ich die Gelegenheit, um auch von den Vertretern der Rosa-Luxemburg-Stiftung eine Einschätzung zur Menschenrechtssituation in Indien zu bekommen. Dabei kam unter anderem der "Armed Forces (Special Powers) Act" aus dem Jahr 1958 zur Sprache; eine Art Notstandsgesetz, dass der Polizei alle erdenklichen Vollmachtengibt und rechtsstaatliche Verfahren komplett außer Kraft setzt. Aus Protest gegen die Erschießung mehrerer Menschen auf der Grundlage dieses Gesetzes in Manipur ist die damals 28-jährige Aktivistin IromSharmila vor über zehn Jahren in einen Hungerstreik getreten. Mittlerweile wächst auch in der Bevölkerung der Widerstand - nicht nur, aber auch wegen einer starken Frau.

Roundtable-Gespräch in Bhubaneswar

Bhubaneswar ist die Hauptstadt von Orissa, einem rund 155.000 Quadratkilometer großen Staat an der Ostküste Indiens. Die große Mehrheit der rund 46 Millionen der Einwohner sind Hindus (94 Prozent); Christen und Muslime bilden mit einem Bevölkerungsanteil von jeweils zwei Prozent eher kleine Minderheiten. Orissa ist aber auch die Heimat der Adivasi, indigene Ureinwohner, die sich überwiegend von der Landwirtschaft ernähren. Im Zuge einer groß angelegten Missionierung waren seit den 1930er Jahren viele Adivasi zum Christentum konvertiert; seit den 1990er Jahren bemühen sich nationalistisch orientierte Hindu-Organisationen, diese Entwicklung wieder umzukehren. In diesem Zusammenhang kam es zunehmend zu Konflikten, die im Jahr 2008 eskalierten und in deren Folge 60 Menschen getötet wurden. 150 Kirchen wurden zerstört und mehrere Tausend Menschen, vor allem Adivasi, verloren ihre Bleibe.

In einem Gespräch am ­Runden Tisch schilderten uns Angehörige der Adivasi sowie Vertreter verschiedener Nichtregierungsorganisationen die besondere Problemlage der Adivasi in Orissa. Die Landwirtschaft der Adivasi ist von traditionellem Wissen und gemeinschaftlichen Zugangsrechten zu den natürlichen Ressourcen geprägt. Da diese traditionellen Nutzungsrechte jedoch nicht in Form einer staatlichen Registrierung abgesichert sind, werden die Adivasi als unrechtmäßige Siedler behandelt, das von ihnen genutzte Land für Bergbau oder industrielle Großprojekte umgewidmet und die Adivasi immer weiter zurückgedrängt. Ein Beispiel dafür ist POSCO, ein südkoreanisches Stahl-Unternehmen mit US-amerikanischen sowie kanadischen Partnern, die im Norden Orissas Bergbau betreiben und an der Küste den Bau eines großen Hafens betreiben - beides in Gebieten, in denen die Adivasi beheimatet sind.

Opfer dieser Entwicklung sind vor allem die Adivasi, obwohl diese als indigene Urbevölkerung nach dem Gesetz eigentlich unter nationalem Schutz stehen. Dass die Regierung dies zulasse, führten unsere Gesprächspartner auch darauf zurück, dass die betroffenen Unternehmen den meisten Parteien erhebliche Wahlkampfspenden zukommen ließen. Die Folgen für die Adivasi und das demokratische System seien verheerend. Wer Widerstand leiste, würde von den Behörden mit fadenscheinigen Begründungen und zum Teil wider besseres Wissen als maoistischer Terrorist diffamiert und entsprechend behandelt. Dabei würden rechtsstaatliche Verfahren komplett außer Kraft gesetzt; ohne rechtliches Gehör würden Adivasi zum Teil über mehrere Jahre inhaftiert; in einigen Fällen seien sogar Profikiller angeheuert worden, um die Interessen einer machtvollen Allianz aus Wirtschaft und Politik durchzusetzen.

Auf die Frage, was von deutscher Seite getan werden könne, um den Adivasi zu helfen, hatten unsere Gesprächspartner auch keine Patentrezepte zur Hand. Ein Wunsch war, Druck auf die Regierungen in Neu Delhi und Orissa auszuüben und nur noch solche Projekte zu unterstützen, die gemeinsam mit den betroffenen Menschen entwickelt und umgesetzt werden können. Das, finde ich, wäre schon mal ein guter Anfang. Nicht nur in Bhubaneswar.

im Gespräch mit dem Erzbischof von Madras-Mylapore

Bei Chennai fällt mir zuerst Tennis ein. Nicht, dass ich eine besonders große Affinität zu diesem Sport hätte, aber wenn man in Deutschland Hockey spielt, kommt man um Tennis gar nicht herum. Praktisch alle Hockeyclubs haben auch eine Tennissparte, viele Vereine sogar nur diese beiden. Und so habe ich - lange bevor das deutsche Tenniswunder mit Becker, Graf und Stich begann - häufig das weiße Treiben auf den benachbarten Sandplätzen beobachtet oder am Fernseher mitgefiebert, wenn Jimmy Connors mal wieder ein Wimbledon-Finale gegen den unterkühlten Björn Borg verlor.

Der erste indische Tennisspieler, über den gelegentlich auch in deutschen Medien berichtet wurde, ist VijayAmitraj. Der brachte es nicht nur zu einem Gastauftritt in einem James Bond Film ("Octopussy"), sondern auch einige Male in die Endrunde der "Indian Open". Das einzige (mir) bekannte ATP-Turnier auf dem Subkontinent fand immer in Madras statt, bis es vor knapp zehn Jahren plötzlich nach Chennai verlegt wurde. Wenigstens dachte ich das. Tatsächlich wurde der Austragungsort jedoch nicht verlegt, sondern im Zuge einer nationalen Entbritisierungswelle einfach umbenannt. Ähnlich wie Madras erging es Metropolen wie Kalkutta (Kolkata), Bangalore (Bengaluru) und Bombay (Mumbai).

So flogen wir mit unserer Delegation also über Bengaluru nach Chennai, der Hauptstadt des Staates Tamil Nadu (und Heimat des Schlagersängers Engelbert). Dort trafen wir Vertreter von Mitgliedern der Observer Research Foundation und anderen NGOs, um mit ihnen über das Verhältnis zwischen Indien und dem südlichen Nachbarn Sri Lanka, die Rolle der "Tamil Tigers", die Konflikte zwischen Fischern aus beiden Ländern und die Menschenrechtslage in der Region zu sprechen.

Im Verhältnis zwischen den verschiedenen Religionsgemeinschaften in Tamil Nadu gebe es keine nennenswerten Probleme, erklärte uns Dr. A. M. Chinnappa, der uns später empfing. Der Erzbischof von Madras-Mylapore hat seinen Dienstsitz unmittelbar neben der St. Thomas Basilika, die den Anspruch erhebt, neben dem Petersdom in Rom und der Santiagodi Compostela in Madrid eine von drei Basiliken zu sein, die das Grabmal eines der Jünger Jesu beherbergen.

Noch beeindruckender fand ich es allerdings, als der Erzbischof ausführte, dass der Hinduismus anderen Religionen mit weitaus größerer Toleranz begegne als es das prinzipiell missionarisch angelegte Christentum tue. Solche Offenheit und nüchterne Selbsteinschätzung würde ich mir auch von anderen hochrangigen Kirchenvertretern wünschen. Insbesondere vom deutschen Papst. Vielleicht nutzt der frühere Chefinquisitor der römisch-katholischen Kirche ja seine im September anstehende Rede im Bundestag zu einer ähnlichen Selbstkritik. Das jedenfalls wäre endlich mal ein sinnvoller Beitrag im interreligiösen Dialog und eine Chance für die weitere kulturelle Entwicklung in Europa.

Governors Residence, Gandhi-Statue

"Quit India!" - "Verlasst Indien!" lautete eine zentralen Forderungen, mit denen sich die britische Regierung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts konfrontiert sah. So klar und unmissverständlich diese Ansage war, so vielfältig und kreativ waren die Mittel, die die indische Unabhängigkeitsbewegung einsetzte, um dieses Ziel zu erreichen. Einige davon hatte der Rechtsanwalt Mohandas Karamchand Gandhi bereits zuvor in Südafrika erprobt und nun an die Verhältnisse in Indien angepasst und weiterentwickelt. Dazu zählten verschiedene Varianten des zivilen Ungehorsams wie Hungerstreiks, "Non-Kooperation" und andere Formen des gewaltlosen Widerstands. Deren politische Wirkung rührte auch daher, dass Gandhi sie konsequent selbst praktizierte - weshalb der britische Premierminister sich auch öffentlich über den "halb nackten Fakir" aufregte.

Über 60 Jahre nach seiner Ermordung ist Gandhi - den Beinamen Mahatma ("große Seele") hatte ihm einst der indische Literaturnobelpreisträger Rabindranath Tagore verliehen - im indischen Leben noch sehr präsent. Auch am letzten Tag unserer Delegationsreise bezogen sich unsere Gesprächspartner auf den "Father of Nation". So wie Vincent Chinnadurai, Vorsitzender der Minderheitenkommission von Tamil Nadu (indienweit der einzige Christ in dieser Funktion) und sein Bruder (seit 12 Jahren als Pfarrer in Leimen tätig), die für einen entspannteren Umgang mit nichtchristlichen Religionen warben. Oder Surjit Singh Barnala, Gouverneur von Tamil Nadu, Jahrgang 1926, der als Aktivist der "Quit India" - Bewegung selbst 9 Mal für insgesamt dreieinhalb Jahre im Gefängnis saß, und später Ministerpräsident des Punjab, Bundesminister und Abgeordneter der Lok Sabha wurde.

Mit N. Ram, dem Herausgeber von The Hindu - einer großen überregionalen Tageszeitung - und seinem Redaktionsteam sprachen wir u.a. über die politische Lage und die Korruption in Indien. Danach berichteten uns Prof. M. S. Ananth, Direktor der IIT-Madras, und seine Kollegen von aktuellen Projekten der vor gut 50 Jahren als indisch-deutsche Kooperation gegründeten Spitzenuniversität, bevor uns Dr. Suprya Dharini die Arbeit der Tree Foundation vorstellte, einer Stiftung, die sich seit 2002 mit Umwelterziehung und anderen Öko-Projekten befasst und u.a. eine Meeresschildkröten-Rettungsstation betreibt.

Alles in allem eine dichte Folge von Terminen am Abschlusstag unserer Reise. So wie eigentlich auch alle anderen Tage voll verplant waren. Aber eben auch gut organisiert von der Bundestagsverwaltung, der Deutschen Botschaft und dem Generalkonsulat. Mein persönliches Fazit:

a) Indien ist... viel zu vielschichtig, als dass man es in ein paar Sätzen zusammenfassen könnte.
b) Die Kollegen aus den anderen Fraktionen sind netter als sie es im Bundestag durchblicken lassen. Ich werde das berücksichtigen, wenn ich beim nächsten Mal im Plenum zurück pöbeln möchte,
c) und Mumbai ist wirklich weiter entfernt von Delhi, Bhubaneswar und Chennai, als meine Tante es wahrhaben will. Was bedeutet, dass ich in jedem Fall noch mal wiederkommen werde.

Fotos

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Vom 27. Februar bis zum 8. März 2011 habe ich an einer Delegationsreise der Deutsch-Indischen Parlamentariergruppe nach Indien teilgenommen. Von meinen Eindrücken und Erlebnissen berichte ich in diesem Blog.

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